Wer hier derzeit erstmalig ‚rein liest, dem sei ehrlicherweise gesagt: ich hab‘ gerade eine hochgradig inspirierte Phase und würde am liebsten einen Artikel nach dem anderen schreiben – aber das ist nicht immer so!

Dass es jetzt so ist, liegt an den wunderbaren Schnupperwochen von BerlinVegan, deren zweiten Tag ich gerade hinter mir habe. Eigentlich würde ich diesen Tag jetzt genauso gern „herunter berichten“ wie den Tag 1, doch fühle ich mich dazu grade außerstande, bzw. kann gewiss nicht ALLEN THEMEN gerecht werden.

Es hat mich zuviel Neues berührt, was ich gar nicht gedacht hätte. Denn immerhin bin ich doch schon seit Sommer 2010 mit persönlichem Veränderungseinsatz „im Thema“! Und das sogar als Bloggerin, die neben den eigenen Motiven immer auch das hilfreiche Zusatzinteresse hat: darüber könnte ich vielleicht einen spannenden Artikel schreiben!

Trotzalledem hab‘ ich offenbar einiges ignoriert, was die Vertreter der „Fleisch-Wende“ (= Versuch einer Begriffswahl, die ALLE einschließt) mit beachtlichem Engangement ins Web stellen. Es ist eben alles insgesamt zuviel, als dass man das als veränderungswilliger „kritischer Normalesser“ gleich alles für sich sinnvoll integrieren könnte. Und auch als „unverbissen vegetarisch“ (faktisch aber stracks in Richtung vegan..) lebende Newbee kann man nicht mit allem gleich viel anfangen – und ignoriert dann tendenziell die Infos derjenigen, die Motive bedienen, die bei einem selbst nicht so im Vordergrund stehen.

Auch Gesundheit ist ein Argument

Ihr mögt ja vielleicht drüber lachen, aber mich hat heute zum ersten Mal das „Gesundheitsmotiv“ kalt, bzw. ziemlich heiß erwischt! Bisher hat mich nur die Grausamkeit der heute üblichen und mehrheitlich (noch!) für normal bzw. unverzichtbar gehaltenen „Fleischsproduktion“ angekotzt, bei einigem Hinschauen dann auch grundsätzlich die fabrikartige Degradierung von Tieren (fühlenden Wesen) zu bloßem Produktionsmaterial.

Kein Gedanke an persönlichen Gesundheitsgewinn! Ich hatte ja schon so viele wechselnde Wahrheiten über „gesunde Ernährung“ gelesen, dass ich mich darum nicht mehr groß kümmere. Was heute als GUT gilt, kann morgen das Falsche sein – da richte ich mich lieber nach meinem Gefühl und dem alten Spruch „die Dosis macht das Gift“.

Allerdings hatte ich durchaus Bedenken, Milchprodukte GANZ zu streichen: Der Mensch braucht doch das Kalzium für die Knochen, sonst entwickelt sich Osteoporose – so die herrschende Lehre, die an mir nicht spurlos vorbei gegangen ist. Das Thema hab‘ ich auch deshalb besonders im Blick, weil meine Mutter mir da einiges vorgelitten hat, was echt nicht schön war!

Ostheoporose – die „reiche Frauen-Krankheit“

Im umfangreichen Vortrag über Milch, der viele Infos und Statistiken aus vielen Ländern einbezog, erfuhr ich nun, dass Ostheoporose eher dort verstärkt auftritt, wo massiv Milchprodukte verzehrt werden. Und dass in Weltgegenden, die gerade erst „lernen“, Milchprodukte als erstrebenswerten Luxus anzusehen, die Ostheoporose signifikant ansteigt, die auch „reiche-Frauen-Krankheit“ genannt wird, weil nur Betuchte sich die angesagten Nahrungsmittel leisten können. (Rund um die Milch werde ich einen extra Beitrag schreiben).

Meine Bedenken in Sachen Milchverzehr-Stopp verschwanden jedenfalls im Lauf des Vortrags vollständig. Schön! Sowas nehme ich gerne als mental entlastende Info mit, doch hatte mich die Angst vor Ostheoporose ja im richtigen Leben nicht wirklich belästigt. Das alles war ja bisher nur Gedanke, Spinnerei, kein Erleben.

Eine neue, ganz persönliche Hoffnung

Anders mein Augenleiden. Seit zwei Jahren hab ich eine „chronische Uvitis“, eine ständig wiederkehrende Augenentzündung („Regenbogenhaut-Entzündung). Die Standardmedizin weiß darüber wie so oft nicht viel, in 80% der Fälle ist die Ursache ungeklärt. Man drückt halt die Entzündung mittels Kortison-Tropfen weg, von dem man dann abhängig ist. Es gab in zwei Jahren meiner Geschichte mit diesem Leiden genau zwei Theorien von Arztseite: „eine Art Rheuma/Autoimmun-Erkrankung“ und „trockenes Auge“.

Was da vom Arzt tatsächlich bei den Untersuchungen gesehen wird, sind Eiweiß-Ablagerungen, wo keine sein sollten. Wie die zustande kommen? Darüber wissen sie nichts und probieren halt dies und jenes aus. Im Milch-Vortrag hörte ich nun, dass genau solche „rheumatischen“ Eiweiß-Ablagerungen eine Folge des Milchprodukte-Konsum sein können. Und dass bei vielen Menschen ihr Rheuma und all seine Varianten, genauso wie diverse unerklärliche Allergien (die ich auch habe) mit Weglassen der Milchprodukte verschwanden oder sich deutlich besserten. Dass Ärzte das oft sogar wissen, ihren Patienten aber eine Tierprodukt-freie Ernährung nicht zu empfehlen wagen, weil sie fürchten, sie als Patienten zu verlieren.

Wow! Ich denke, es ist nachvollziehbar, dass ich auf einmal einen „neuen Link im Kopf“ zur ganz persönlichen Betroffenheit habe. Das ergänzt meine sowieso schon vorhandene Motivation nochmal um einen „egoistischen“ Aspekt – was bitte soll daran falsch sein?

Mit Staunen lese ich hier und da im Web, dass es Leute gibt, die es sogar falsch finden, mit Gesundheitsgründen für vegane Ernährung zu werben! Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Grund haben würde, Alt-Bundeskanzler Kohl wertschätzend zu zitieren, nämlich mit den Worten „es kommt drauf an, was hinten raus kommt“. Für mich ist das weniger Tierleid und weniger Umweltbelastung. Wenn nun noch dazu kommt: mehr Gesundheit für mich persönlich – ja wunderbar!

Massive Infos und ein Argumentationstraining

Die Vorträge über „Rinder“ und „Eier“ waren ebenfalls großartig. Aber natürlich auch deprimierend, wenn man wieder mal so zusammen gefasst vorgestellt bekommt, wie furchtbar die „Megamaschine“ arbeitet. Vor dem Video, in dem die männlichen Küken geschreddert werden, verließ eine Mutter mit ihren Kindern sinnvollerweise den Raum. Mich regen die Themen dazu an, eigene Info-Seiten zu planen – diesem Blog hier wird der Stoff so schnell nicht ausgehen.

Im anschließenden „Argumentatíonstraining“ waren in Gruppenarbeit Fragen zu beantworten, die typischerweise von Fleisch-Essenden gestellt werden – durchaus auch provozierend gemeinte. Wir hatten ja nun genug Infos vernommen, so dass es kein Problem war, auf bekannte Vorhaltungen wie „für Milch sterben keine Tiere“ zu reagieren.

Eines der Themen hat einige so sehr berührt, dass sich zwei Gruppen nicht auf eine Antwort einigen konnten, nämlich das Fleisch-Esser-Argument gegen Veganer: „Auch Planzen haben Gefühle“. Einzige Entgegnung, die unproblematisch und wahr ist: Wir müssen Pflanzen essen um zu leben, wogegen wir auf Tierprodukte verzichten können. Ob Pflanzen nun Gefühle haben oder nicht – wer will das wissen?

Das Buffet vom zweiten Tag war wieder sehr gut, machte optisch allerdings ein wenig den Eindruck, als wär man bei der Fleischer-Innung! :-) Viel vegane Wurst und sogar eine Art Hackfleisch/Zwiebelmett sollten zeigen, dass auf „Fleischiges“ nicht verzichtet werden muss. Mein Ding wird das vegane Zwiebelmett allerdings eher nicht werden.

***
Hier nun noch ein paar Info-Links rund ums Thema „Milch“:

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Über Claudia Klinger

Unverbissen Vegetarisch gibts auch auf Facebook (ich freu mich über jedes "´Like"!) Mit allgemeinen Themen findet man mich auf meinem seit 1999 aktiven Digital Diary. Und Veggie-News gibts auf Twitter.com/unverbissen.
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15 Kommentare zu Schnupperwochen Tag 2: Mein Abschied von der Milch

  1. Stephanie sagt:

    Ich lese zugegeben nicht sonderlich viele vegane Blogs, aber diesen finde ich echt sympathisch. Im Moment bin ich nicht mal richtig vegetarisch, obwohl bei mir sowieso nur ein oder zweimal im Monat Fleisch oder Wurst auf den Teller kommt. Mir schmeckt es oft einfach nicht, mal abgesehen davon, dass ich Fleisch in meinem Speiseplan nicht als notwendig erachte, es außerdem teuer ist und … na klar, Massentierhaltung ist und bleibt nunmal grausam. Ich bin aber nicht prinzipiell dagegen Fleisch zu essen. Mein Großonkel hat sich zB. Nutztiere gehalten, um mal zu Weihnachten oder so ein Kaninchen zu schlachten (ich war als Kind mal dabei, und wie die Kaninchenaugen auf eine Schubkarre geschmissen wurden verfolgt mich bis heute), und solange das im kleinen, besonderen Rahmen bleibt und die Tiere zu Lebzeiten gut behandelt werden ist sowas vertretbar. Punkt. Nicht vertretbar ist das Überangebot an Wurst und Fleischwaren, wie wir es zur Zeit erleben und die damit verbundenen Konsequenzen. Worauf ich im Moment nicht verzichten möchte ist Milch, Quark, Joghurt und Käse – denn das gehört (leider) zu den Dingen, die ich täglich konsumiere (aber natürlich nicht alles jeden Tag). Und jetzt meine eigentliche Frage (oh Gott, ich schweife aber ab): ich hätte gern einen pflanzlichen Milchersatz, der auch halbwegs die Konsistenz und einen ähnlichen Geschmack wie Milch hat. Denn obwohl ich schon ein paar Sojavarianten probiert habe, wurden diese alle als viel zu dünn und nicht gerade lecker nur mit Mühe und Not aufgebraucht. Mit Joghurt verhält es sich ähnlich, obwohl mir da der Umstieg auf zb Alpro Soja leichter fallen würde (im Moment wirds etwa abwechseln gekauft, also mal Alpro, mal normal), denn das schmeckt wenigstens.
    Für Empfehlungen wäre ich echt dankbar :)
    Ich habe im übrigen noch nie gehört, dass solche Krankheiten auch von übermäßigem Milchverzehr kommen könnten, danke für die Anregungen.

  2. Ms. Beaverhausen sagt:

    @ Stephanie
    Schön, dass du dich für Alternativen zu Milchprodukten interessierst. Sojamilch ist so eine Sache, jede schmeckt anders und man muss sich echt durchprobieren. Die gekühlte Alpro schmeckt vielen, die sonst mit Soja nicht viel anfangen können sehr gut.
    Als „reichhaltige“ Milchalternative empfehle ich Mandelmilch. Für mich war das die erste Pflanzenmilch, die richtig cremig schmeckte. Im Handel ist sie leider recht teuer, aber sie lässt sich recht unkompliziert selbst herstellen: http://www.youtube.com/watch?v=QIgzbQi9kTM

  3. Claudia Klinger sagt:

    @Stephanie: ich hab auch anfänglich gedacht, dass ich bei Fleisch nach dem Motto „selten und wenn, dann bio“ leben werde. Seit ich aber gelernt habe, texturiertes Soja für traditionelle Fleischgerichte zu nutzen, hab‘ ich da einfach keinen Bedarf mehr. Wenn die Bolognese, das Gulasch, die Schnitzel mit Champignons und sogar die Wiener Schnizel spitzenmäßig schmecken und von Fleisch-Essern nicht mal als „pflanzlich“ erkannt werden – warum dann noch Tiere töten?
    Ich erzähl nur meine Erfahrung, will beileibe nicht mit dir herum rechten. Es muss da jeder seinen Weg finden und wenn es der mit „sehr viel weniger Fleisch“ ist, ist ja auch schon viel erreicht (wenn das alle machen würden…!)

    In Sachen Sojamilch schmeckt die Alpro „original“ mit Kalzium am milchigsten, wie ich finde. Es ist aber wirklich eine Sache der Gewohnheit, auch an die herberen (und preiswerteren) Sorten hab‘ ich mich gewöhnt und finde nun das „Schleimige“ der Kuhmilch gar nicht mehr gut.

    @Ms. Beaverhausen: danke für den Tipp!

  4. Karin sagt:

    @claudia klinger und ms.beavershausen -danke für den sojamilchtipp – ich werds mal probieren, wo kann man die denn kriegen? im discounter gibts ja leider selten auswahl – aber dann muss ich halt mal zum teuren laden gehn :-)
    Ich hab hier auch einen super bio laden… In letzter Zeit versuche ich mich ja mehr basisch zu ernähren.
    Leiderweiss in den Läden kaum jemand etwas über basische Lebensmittel

  5. Pia Hoffmann sagt:

    @stefanie:
    Ganz gut schmeckt die Natumi Hafermilch aus dem Bioladen – ca € 1,99 .
    Als Joghurt – Alternative kann ich die Joghurts von Sojade empfehlen. Die sind fruchtig und schön geschmeidig auf der Zunge.
    Viel Erfolg auf Deiner weiteren Suche nach tierischen Alternativen.

  6. Pia Hoffmann sagt:

    @ Karin:
    Schau doch mal in die neue Schrot & Korn. Da gibt es einen recht guten Artikel über basische Ernährung.
    Wenn Du mehr Fragen hast kannst Du gern bei uns im Forum nachhaken. Wir machen Ernährungsberatung über unseren Bioladen.

  7. Stephanie sagt:

    @ms. beaverhausen
    Danke für den Link, das klingt echt interessant. Mal schauen, ob mein kleiner Mixer das mitmacht. Denn ein Stabmixer wird sicherlich nicht funktionieren bzw. eeeewig brauchen. Aber von der Konsistenz sieht es gut aus, und Mandeln sind sowieso sehr lecker.
    @claudia
    Das ist es ja. Viele reden vom Fleischersatz, da ich es aber sowieso nicht sonderlich mag, will ich es in dem Sinne auch gar nicht ersetzen. Bolognese kenne ich zum Beispiel sehr gute vegetarische, allerdings nur als Fertigmischung, die ich dann mit frischen Sachen verfeinere. Vor ein paar Tagen habe ich mich an selbstgemachtem Seitan versucht – eine richtige Sauerei das auszuwaschen ;) Aber das Endprodukt war besser als erwartet und wird demnächst noch weiter ausprobiert. Diese Woche habe ich beim Chinesen auch wunderbaren Tofu gegessen, dessen Konsistenz der von gebackenem (echten…) Schafskäse entsprach. Im Discounter bekommt man doch aber nur diesen sehr festen Tofu, und anderen habe ich leider noch nicht entdeckt. Aber ich verfalle schon wieder ins Plappern… :) Jedenfalls Danke für eure Vorschläge, da werd ich mich mal durchprobieren.

  8. She sagt:

    @Stephanie … so ging’s mir auch lange. Ich konnte/wollte auf Kuhmilch nicht verzichten (ich liebe Latte Macchiato). Doch irgendwann ging es für mich einfach nicht mehr und ernähre mich nun seit 3 Monaten konsequent vegan. Die ersten 4 Wochen lies ich den Kaffee ganz weg, mir schmeckte keine Kuhmilch-Alternative, wollte mich nicht quälen ;) Trank dann eine Weile den Kaffee schwarz und dann entdeckte ich für mich die Bio-Soyamilch von Provamel (ungesüsst) und bin begeistert, hab nun mein Latte Macchiato wieder :) Kann mich meinen Vorschreibern nur anschliessen… probiere dich einfach bissl durch, ich denke es ist auch eine Phase der Umgewöhnung wo die Geschmacksrichtung sich auch ändert.

  9. Claudia Klinger sagt:

    @Stephanie: mit „auswaschen“ hab ich gar nicht erst angefangen! Dabei geht ja auch die ganze Stärke in den Gulli, was ich als Verschwendung empfinde. Zudem ist es ziemlich Arbeit, und man bekommt bei diesem Verfahren nur schlecht Gewürze in den Teig.

    Deshalb kauf ich mir Weizengluten (SEHR preiswert!) und mache daraus in aller Kürze den Seitan selber, den ich dann in Kochbeuteln koche, damit es nicht so sehr aufgeht.

  10. Emma sagt:

    Hallo, ich lebe seit sechs Wochen fleischlos und fast ohne Eier und Milchprodukte, vorher vierzig Jahre mit allem Drum und Dran.

    Ich habe an einem Tag eine Broschüre gelesen, in der alle ethischen, moralischen, ökologischen und gesundheitlichen, menschen- und tierfreundlichen Gründe aufgeführt waren, die tierischen Lebensmittel wegzulassen und endlich hat es KLICK gemacht.

    Natürlich ist anfangs vieles ungewohnt und ein bisschen schwierig, aber für Kaffee nehme ich z.B. Mandelmilch und jaja, man kann ohne Ei und Butter backen. :) Es gibt Eiersatz, wenn es wirklich sein muss und es gibt Alsan, pflanzliche Butter. Und ich bin froh, endlich wieder von diesem albernen aufgeschäumten im Cafe viel zu teuren Milchkaffee wegzukommen (noch ein Pluspunkt). Ich trinke weniger Kaffee, mehr Getreidekaffee und eben zu Hause mit Mandelmlich oder auch mit Sojamilch, an die man sich tatsächlich mit den Wochen gewöhnt.
    Denn die Muttermilch einer fremden Spezies zu trinken, daran haben wir uns ja auch irgendwann mal gewöhnt.

    Na mal sehen, wohin der Weg noch führt. Ich wünsche allen, die sich und anderen Gutes tun, einen schönen Abend! Emma

  11. Pingback: Auch Pflanzen haben Gefühle – Antwort auf ein antiveganes Argument » Unverbissen vegetarisch

  12. Stefan Münz sagt:

    Ich bin ja so eine Art dreiviertel-Veganer. Sobald man sich im öffentlichen Raum ernähren muss, ist es ja eh vorbei. Man bekommt ja nicht mal ne Brezel, in der keine Milch oder Eier drin sind. Und die einzige fleischlose Pizza in der Pizzeria ist meist eine Quattro Formaggi. Auch in normalen Supermärkten ist es schwierig, außer bei frischem Gemüse, Obst und Salat irgendwas zu finden, wo keine Milch und/oder Eier drin sind. Deshalb ist die Möglichkeit, sich überhaupt halbwegs vegan zu ernähren, für uns moderne Zeitgenossen auch sehr stark an die Möglichkeiten des Internets gekoppelt. OK, in Berlin mag das vielleicht anders sein – aber von hier ist der nächste „vegan“-Laden bestimmt mindestens 150km entfernt. Also bekommt man raffinierte Produkte, die vegan produziert sind, eigentlich nur übers Internet. Ist halt leider noch mal etwas teuerer, aber dafür auch sehr bequem :-)

    Außerdem ist das Netz auch der Ort, an dem die „Argumentationen“, die du in deinem Artikel ansprichst, bestens zum Tragen kommen. Ich habe zwar auch schon Diskussionen im Familienkreis oder in der Verwandtschaft zu dem Themenspektrum erlebt, aber leider entstehen solche Diskussionen meist bei Tisch (wenn sich einige plötzlich aufs Beilagenessen beschränken), wo sie dann einfach nur allen spontan den Appetit verderben.

    Gerade wenn man sich selber mehr und mehr von der christlich-abendländischen Vorstellung von der „Krone der Schöpfung“ löst und den Menschen wieder einfach nur als Tier zu sehen beginnt, dass sich besonders im Bereich intellektueller Fähigkeiten hochspezialisiert hat, dann sind unsere Tierhaltungsfabriken nichts weiter als Konzentrationslager für andersspezialisierte, aber als niedrigere Daseinsform betrachtete „höhere Lebewesen“. Das ist aber eine so ungeheuerliche Vorstellung, dass man die nicht einfach so „kommunizieren“ kann. Da hilft – trotz all des erkannten weltweiten Tierleids – nur „Unverbissenheit“ (deswegen wunderbar treffend, dein Blog-Titel).

    Vielleicht ist der Gesundheitsaspekt sogar die Argumentationsschiene, auf der am meisten erreichbar ist. Unsere Gesellschaft besteht aus immer mehr Menschen jenseits der 50, die allmählich die erste körperliche Quittung für ihre bisherige Lebensweise erhalten – sei es ein erster Schlaganfall, Rheuma, oder seltenere Erkrankungen wie deine Augenentzündung. Das Problem ist halt, dass Gesundheits- und Ernährungsindustrie derzeit noch schier unentwirrbar verklüngelt sind. Politisch gesehen wäre es deshalb wichtig, das Gesundheitswesen von der Gesundheitsindustrie so weit zu entkoppeln, dass Mediziner wieder sagen dürfen, was sie wirklich denken. Bis es so weit ist, müssen wir uns halt in diplomatischer Geduld üben und und „klassische mediterrane Ernährung“ empfehlen lassen – aber zu diesem nebulösen Begriff aber noch hinzufügen, dass damit weniger italienische Pizza und Pasta gemeint ist, sondern eher die Richtung alter griechischer Männer, die gemütlich vor ihren Häusern auf Bänken zusammensitzen und Würfel spielen – viel Obst und Gemüse, ungegarte frische Sachen bei jeder Mahlzeit, Kerne und Nüsse als Knabberzeug, auch reichlich Zwiebeln und Knofi, hochwertige, kaltgepresste Öle und eben vergleichsweise wenig Milchprodukte und Fleisch eher zu Festtagen – von Tieren, die „geopfert“ wurden. Und ein ordentlicher Hauswein :-)

    Und dann gibt es da noch ein Problem: wie bringe ich meinen Kindern bei, sich wie ein alter griechischer Mann zu ernähren? :-)

  13. Claudia sagt:

    @Emma: Glückwunsch zu deinem schnellen Umstieg! Mir wäre das so von jetzt auf gleich nicht gelungen, bzw. ich hätte dann ein paar Wochen später vermutlich frustriert das Handtuch geworfen – aber toll, dass es DIR gelingt!
    Ich brauchte Zeit für so massive Änderunge von Lebensgewohnheiten und der in Jahrzehnten etablierten Koch- und Ess-Gewohnheiten – allein die Befassung mit den Fleisch-Alternativen hat sehr viel Zeit und Experimente gekostet (will ja kein Fertig-Gericht-Veggie sein), bis ich die Palette meiner Standardgerichte „in vegan“ zubereiten konnte und alles eine neue Routine bekommen hat. Bloß verzichten und weglassen wär bei mir nicht gegangen – Verzichtsgefühle und entsprechende Sehnsüchte nach der „alten Ernährung“ sind (bei mir) Gift fürs Gelingen.

    @Stefan: danke für deinen ausführlichen Bericht! Ja, in Berlin lebe ich glücklicherweise im „veganen Mekka“ – bald macht sogar ein veganer Supermarkt in meiner Nähe auf! Aber ich lass mir auch viel schicken, ist halt auch recht bequem, wenn man einen vollen Arbeitstag hat!

    Dass wir Tierleid-Themen besser nicht bei Tisch diskutieren sollten, während das Gegenüber sein Fleischgericht verzehrt, bekamen wir in den „Schnupperwochen“ auch als Tipp mit.

    Das mit der „Krone der Schöpfung“: ich dachte, die Wissenschaft hätte uns doch längst als Säugetier mit besonders viel Großhirnrinde entlarvt – wundert mich, dass du diesen Aspekt noch als so virulent erlebst!

    Die Empörung übers Tierleid als Antrieb für vegane Ernährung ist einen eigenen Beitrag wert. Ich erlebe es so, dass erst mit häufigerer Befassung (!) mit dem Thema und einer gewissen „Einwirkzeit“ bestimmter Erkenntnisse tatsächlich ein profunder Einstellungswechsel passiert (der die Umstellung dann auch nachhaltig macht). Früher fand ich Massentierhaltung auch schon „unschön“, dachte aber z.B., dass die größten Grausamkeiten (wie etwa unvollständiges Schlachten/Töten und dann Tod im Brühbad) nur seltene bedauerliche Ausnahmen seien, die halt vermieden werden müssen. Dass man aber von AUSNAHMEN nicht sprechen kann, auch wenn der Prozentsatz der Unfälle unter 1% ausmacht, wurde mir erst angesichts der absoluten Anzahl der Tiere klar, die so Jahr um Jahr einen unsäglich widerlichen Tod sterben – und NICHTS lässt hoffen, dass in der Akkordarbeit „Töten“ daran irgend etwas nachhaltig verbessert werden wird.

    Inwiefern hältst du Ernährungswirtschaft und Gesundheitsbetrieb für besonders verklüngelt? Aus meiner Sicht scheren sich die Nahrungsmittelhersteller eher gar nicht um gesundheitliche Aspekte – außer wenns mehr Umsatz und Produktdiversifikation verspricht wie in allerlei „Functional Food“. Und in der Arztusbildung kommt Ernährung gar nicht vor, wie ich gerade wieder hörte – irre!

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