Wie tief so manche Gewohnheit verwurzelt, ja regelrecht „eingefleischt“ ist, merkt man erst so richtig, wenn man daran geht, sie zu verändern. Dabei haben es junge Menschen durchweg leichter als ältere. Zum einen, weil noch gar nicht so viel Zeit verstrichen ist, um eigene Ernährungsweisen und Koch-Traditionen zu etablieren. Zum anderen, weil mit einer Lebensstil-Änderung in jungen Jahren meist auch ein Identitäts-Gewinn verbunden ist.

Wer mit 20 beschließt, aus ethischen Gründen ab jetzt „vegan zu leben“, kann sich als Avantgarde fühlen, als Speerspitze einer drastisch weltverbessernden Bewegung. Der Elan, die Begeisterung für die Sache ist groß, gern grenzt man sich ab von allem Althergebrachten und findet oft auch vielerlei neue Kontakte in veganen Initiativen und Tierrechts-Gruppen. Der Streit um die Details des „richtigen Lebens“ nervt noch nicht, sondern macht durchaus Spass. Kurzum: Wäre ich mit 25 Veggie geworden, wär‘ ich selbstverständlich radikal gewesen – wie lange, ist eine andere Frage!

Veggie mit 50plus

Mit über 50 sieht die Welt schon ein wenig anders aus. Wer gewohnt ist, das eigene Denken und Handeln in seiner Veränderung über die Jahre kritisch zu reflektieren, bemerkt, dass die jugendliche Idee, man könne allein „aus dem Kopf“ über sich selbst bestimmen, so nicht stimmt.

Bestes Beispiel dafür sind die unzähligen Diäten und Ernährungsumstellungen zu Gunsten einer GESÜNDEREN Lebensweise. Für die schlanke Linie sind viele Menschen bereit, auch drastische Veränderungen zu wagen. Genauestens werden die jeweiligen Vorschriften und Rezepte der Diäten befolgt, zumindest in den ersten paar Wochen. Dann aber knirscht es im Getriebe, Ausnahmen häufen sich, manche bekommen Heißhunger-Attacken und überfallen des Nachts ihre Kühlschränke. Ganz zu schweigen von den vielfältigen Versuchungen während des Tages, wenn man in der Stadt lebt, wo in jeder Einkaufsstraße, jeder Shopping-Mall und jedem Szene-Viertel die Imbiss-Angebote aus aller Welt lockende Düfte verströmen. Da werfen auch schwer Übergewichtige, die „eigentlich“ sehr motiviert sind, schnell mal das Handtuch – bis zum nächsten Versuch, jetzt aber wirklich ab morgen alles anders zu machen.

Zwei Schritte vor, einer zurück – und keine Totalverbote

Als ich im Sommer 2010 beschloss, auf Fleisch und Wurst künftig zu verzichten, behielt ich mir schon gleich vor, eine Ausnahme zu machen, sollte mich plötzlich die ganz große Lust auf ein Steak überkommen. Auch hatte ich nicht vor, bei Einladungen zum Problembär für die Gastgeber zu werden. Das Missionarische lebe ich aus, indem ich meine Erfahrungen mit pflanzlicher Ernährung, mit Fleisch-Alternativen und vielerlei Rezepten ins Netz schreibe. Nicht unbedingt dann, wenn die 88-jährige Oma meines Partners mir einmal im Jahr ihre hausmacher Bouletten serviert. (Immerhin hab‘ ich ihr auch mal vegane Wiener Schnitzel mitgebracht, die sie ohne sichtbares Missfallen gegessen hat).

Diese gar nicht radikale Haltung hat sich bewährt: Der Abschied vom Fleisch fiel mir leichter als gedacht, insbesondere, nachdem ich mir die Fleisch-Alternativen Seitan und texturiertes Soja erschlossen hatte. Damit sank auch der Käseverbrauch, denn lange war Käse mein Fleisch gewesen. Allerdings brauchte es Monate und immer neue Experimentierphasen, bis ich diverse vegane Alternativen in meine Koch-Tradition aufgenommen hatte. Auch der Umstieg von Milch- auf Sojaprodukte geschah nicht von jetzt auf gleich, sondern brauchte seine Zeit.

Es geht für mich schubweise voran in Richtung pflanzlicher Ernährung, oft mal zwei Schritte vor und einen zurück. Gerade bei den Rückschritten, die ich mir erlaube, zeigt sich, was tatsächlich schon Routine geworden ist bzw. auf dem besten Weg ist, es zu werden. Nach mehreren sehr engagierten „voll veganen“ Wochen kaufte ich auch wieder mal Käse, Kräuterquark, Normaljoghurt. Doch siehe da: ich brauche es nicht mehr, jedenfalls spürte ich nicht das Verlangen, wieder voll ins „nur-vegetarische“ zurück zu kehren.

Woran es mir noch mangelt, sind schnelle, herzhafte vegane Imbisse. Früher waren überbackene Käsebrote quasi mein täglich Brot – und so richtig hab ich das noch nicht ersetzen können. Vegane Leberwurst und Bratgemüse auf Brot hab‘ ich mir immerhin schon angewöhnt – es dürfte aber gerne noch etwas mehr bzw. Anderes sein.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Diesen Artikel weiterempfehlen:


[diese Buttons übermitteln vor dem Klick KEINE Daten!]

Über Claudia Klinger

Unverbissen Vegetarisch gibts auch auf Facebook (ich freu mich über jedes "´Like"!) Mit allgemeinen Themen findet man mich auf meinem seit 1999 aktiven Digital Diary. Und Veggie-News gibts auf Twitter.com/unverbissen.
Dieser Beitrag wurde unter Nachdenkliches veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu Von der Macht der Gewohnheit

  1. mittenmank sagt:

    VIELEN DANK für das Teilen dieser Einstellung. Ich gehöre auch nicht zur Twen-Vegan-Truppe und bin daher glücklich, von anderen zu hören, die eben nicht so radikal sind, sondern es langsam angehen lassen und sich nichts verbieten. Vielleicht ist’s auch eine Frage des Alters und der Prioritäten, wie sehr und wie schnell und wie lange man vegan lebt.

  2. Norbert sagt:

    Die macht der Gewohnheiten zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben der Menschen.
    Seit über 3 Jahren ist der oben beschrieben Weg meinem gleich.
    Ich esse Tiere nur noch wenn ich Lust habe. Es gibt allerdings kein Verlangen mehr. Damit hat sich das auch geklärt.

    Gelingt es, den denkenden Verstand vom arbeitenen Verstand zu unterscheiden, ist auch das Thema mit Tierprodukten vom Tisch.

    Einsicht ist hier die beste Methode die sich der Mensch gönnen kann.
    Gruß
    Norbert :-)

  3. Sopherl sagt:

    spät gelesen wie ich merke und dennoch witzig, da ich mich gedanklich auch mit diesem Thema gerade beschäftige.
    Ich bin 50 und wurde „eigentlich“ über einen sehr kurzen Umweg vegan.
    Für meinen Mann und mich war es wirklich so, dass wir, je tiefer wir in die Materie gingen, überhaupt keine Alternive mehr gab.
    Das was wir Menschen den Tieren antun, der Umwelt und somit auch wieder uns und unseren Nachkommen – geht „so“ nicht weiter.
    Aber natürlich ist es so wie man bei uns oft sagt „Gusto und Ohrfeigen sind verschieden“ :o)
    Jeder ist so wie er/sie ist – zum Glück sind wir alle verschieden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*