Fleischalternativen aus Seitan, Soja, Tofu und anderen Zutaten sind ein Schwerpunktthema dieses Blogs. Viele eigene Versuche, möglichst Fleisch-ähnliche Ergebnisse zu erzielen, sind hier in Text und Bild dokumentiert: erfolgreiche und weniger erfolgreiche. Deshalb werden mir auch öfter mal Fertig- und Halbfertig-Produkte zum Testen angeboten, was ich auch ganz gerne mache. Nur: mit den Ergebnissen müssen die Hersteller dann leben, denn ich schreibe immer meine ehrliche Meinung.

Das Vetzi-Versprechen: fertige Seitan-Schnitzel in 15 Minuten?

Anfang März bekam ich eine Anfrage, ob ich nicht die Vetzi-Schnitzel testen wolle. Felix und Erik aus Berlin bieten seit 2014 „das erste Selbstmach-Set zum Zubereiten von köstlichen veganen Knusperschnitzeln“ an. Es handelt sich um ein dreiteiliges Set (VETZI-Mix, Ei-Ersatz und Knusper-Panade), mit dem man „in wenigen Minuten köstliche Schnitzel zaubern“ können soll.

Das hat mich natürlich interessiert, da ich persönlich viele Stunden damit zugebracht habe, aus Weizengluten (Seitan) schmackhafte Schnitzel/Steaks oder andere Vleischvarianten herzustellen. „Ganz einfach“ war das nicht, denn Gluten ist ein Eiweiß, das dazu neigt, gummiartig zu werden – und um einen passenden Geschmack ans geschmacklose Pulver zu bekommen, war auch immer einiger Aufwand nötig.

Also jetzt Schnitzel in fünfzehn Minuten? Auf der Packung steht das so, doch im Shop schrumpft diese Zeit noch weiter, denn da heißt es wörtlich: „Macht Eure eigenen veganen Schnitzel! Ganz einfach in nur 10 Minuten!“ Wirklich? Ich zweifle….

Ausgepackt: Gluten, Ei-Ersatz, Pannade

Nun denn, los geht’s! Ganze sieben Schnitzel soll man aus den drei Komponenten produzieren können, die ausgepackt so aussehen:

Die Bestandteile der drei Zutaten bleiben natürlich kein Geheimnis:

  • VETZI-Mix: Weizeneiweiß (Gluten), Weizenmehl, Speisesalz, Hefe, Gewürze
  • Ei-Ersatz: Weizenmehl, Kartoffelstärke, Paprika, Salz, Gewürze, Zucker
  • Crunchy-Panade: Mais, Salz, Malzextrakt* (*Gerste, enthält Gluten)

Geschmacksverstärker, Konservierungsstoffe oder gentechnisch veränderte Zutaten werden nicht verwendet, wenn man mal davon absieht, dass „Hefe“ von nicht wenigen als „versteckter Geschmacksverstärker“ angesehen wird. Ich teile diese Kritik allerdings nicht, für mich ist Hefe ein Naturprodukt und dass Hefeflocken den gewissen Umami-Geschmack mitbringen, ist ein Segen!

Was mir aufgefallen ist: Die „Knusperpannade“ besteht aus zerstoßenen Cornflakes bzw. Maisflocken, nicht – wie Schnitzel-typisch – aus Semmelbröseln. Noch dazu ziemlich grob / großflockig in der Struktur:

Maisflocken

Warum wohl? Das würde sich später noch klären, jetzt ging es erstmal an die Zubereitung.

Zubereitung: dem 7.Schnitzel fehlen 10 Gramm

Für das Anmischen des Glutenpulvers befindet sich eine Mischungstabelle auf der Packung, die ich mangels eines gut lesbaren Fotos hier als Text wiedergebe:

VETZIS VETZI-Mix Wasser Öl
1 x 30g 3 EL 1 El
2 x 60g 6 EL 2 EL
3 x 90g 9 EL 3 EL

Die Pünktchen in der vierten Zeile sollen den Kunden sagen: Rechnet selber weiter! Ok, das ist ja nun kein Problem, doch weil ich alle sieben Schnitzel auf einmal machen wollte, fiel mir natürlich auf, dass es bei sieben Schnitzeln nicht mehr hinhaut: Dazu bräuchte man nämlich 210 Gramm Gluten für 21 EL Wasser und 7 EL Öl, aber die ganze Packung Gluten hat nur 200 Gramm!
Ok, das ist jetzt nicht die Katastrophe, aber ich frag‘ mich schon: Warum macht man sowas? Warum schreiben sie nicht wenigstens „ca. 7 Schnitzel“?

Fürs letzte Schnitzel hab‘ ich dann eben etwas weniger Wasser und Öl genommen und das Ganze dann zusammen gemischt. Der fertige Seitan-Klumpen wirkte – verglichen mit meinen Eigenprodukten – sehr feucht und extrem fettig:

Ein Esslöffel hat laut Wikipedia 10 bis 15 Milliliter. Auch wenn wir vom Mindestmaß (10ml) ausgehen, werden somit für sieben Schnitzel ca. 70 ml Öl gebraucht! In klassischen Seitan-Rezepten kommt Öl erst gar nicht vor, doch hab‘ ich selbst bei meinen Rezepten für Seitan aus Weizengluten schon mal 10 bis 15 ml Öl auf 250 Gramm Gluten zugegeben, so als Geschmacksträger für die Gewürze. Verglichen damit ist diese Schnitzelmasse also eine Öl-Bombe und ich vermute, dass dies ein Teil des Geheimnisses der „schnellen Zubereitung“ sein könnte.

Der Anleitung folgend, formte ich im weiteren dann ein SEHR DÜNNES Schnitzel:

Gebraten mit viel Öl

Das Schnitzel wurde nun im Ei-Ersatz gewendet, danach in der Panade, und ab gings in die Pfanne. Man solle die Schnitzel frittieren oder in sehr viel Öl (!) braten – also nochmal jede Menge Öl-Einsatz. Während des Bratens sind mir leider diverse Fotos misslungen (Objektiv beschlagen etc.) und ich bin eh keine gute Food-Fotografin. Egal, hier ist das Vetzi in der Pfanne, fast fertig gebraten:

Geschmacktest: Kross & knusprig, aber sonst?

Als das Schnitzel fertig war, kam gerade mein Freund zu Besuch, den ich gleich zum Geschmackstest einlud. Ergebnis: Das Schnitzel war definitiv sehr kross! Die Pannade aus Cornflakes verändert sich durch das Braten in der Konsistenz kaum, so dass es ein sehr knuspriges Kauerlebnis wurde. Das ist also schon mal gelungen!

Aber hey: Wo bleibt der Schnitzel-Geschmack? Der dünne Seitanteig war unter der dominanten Pannade komplett verschwunden, ein spezifischer Geschmack beim besten Willen nicht feststellbar. Wir hatten den Eindruck, etwas Heißes, Fettiges zu verspeisen, das gewiss satt macht, wenn man mehr davon isst. Allerdings hatten wir dazu dann keine Lust mehr, mangels Geschmack kein Wunder!

Auf der Suche nach dem eigentlichen Geschmack des Schnitzels machte ich ein weiteres Experiment und pannierte das zweite Versuchsschnitzel mit normalen Semmelbröseln. Die Idee: die würden nicht so dominant jeglichen anderen Geschmackseindruck überwältigen.

Und ja: das Schnitzel wirkte so erstmal etwas normaler, allerdings wurden die Semmelbrösel recht schnell dunkel, so dass es nicht möglich war, das Teil 7 bis 10 Minuten zu braten. Der Seitan-Teig blieb also komplett Gummi-artig (und auch weiterhin ziemlich geschmacklos). Es ist also definitiv die Pannade aus Cornflakes, die es mit ihrer Robustheit überhaupt erst ermöglicht, in so kurzer Zeit das Gluten in eine irgendwie essbare Struktur zu überführen.

FAZIT: Nicht nochmal!

So leid es mir für die engagierten Hersteller tut: Appetit auf mehr Vetzi-Schnitzel hat uns dieser Produkttest nicht gemacht. Das Versprechen, in 15 Minuten zum Ziel zu kommen, ist aus meiner Sicht auch höchstens bei ein bis zwei Schnitzeln erfüllbar (wenn man sich beeilt), für alle sieben würde man deutlich länger brauchen.

Grundsätzlich halte ich Glutenpulver für das falsche Material, um „auf die Schnelle“ zu einer akzeptablen Fleischalternative zu kommen, die auch geschmacklich überzeugt. Nicht umsonst steht das Web voll mit komplexen Anleitungen, wie man es anstellt, mittels eines bereits gut gewürzten Kochsuds und vielerlei Beigaben zur Trockensubstanz, sowie deutlich längeren Garzeiten (gekocht, gebacken, gedämpft, gebraten) Geschmack an den Teig zu bekommen. Diesen Aufwand treibt man ja nicht aus Jux und Dollerei, sondern weil es mit Seitan eben nicht anders funktioniert!

Dass die Vetzi-Packung für sieben Schnitzel ganze 7,90 kostet, sei am Rande erwähnt – ein stolzer Preis für die in anderen Formaten sehr billigen Zutaten (Flakes, Glutenpulver, Kartoffelstärke, Gewürze). Würden die Schnitzel richtig gut schmecken, wär das dennoch akzeptabel. Aber so ist man wirklich besser bedient mit Steaks und Medaillons aus Trockensoja, die mit ihrer Faserigkeit sowieso viel besser als Fleischersatz taugen. Seit ich sie kennen gelernt habe und mittels einfachster Zubereitung schnell zu tollen Ergebnissen komme, brauche ich keine aufwändigen Gluten-Zubereitungen mehr.

Wozu ein Halbfertig-Produkt?

Überhaupt frage ich mich angesichts des Vetzi-Packs, wer wohl Zielgruppe dieses Halbfertig-Produkts sein soll. Wer – wie viele Veganer/innen – dem selber Kochen nicht abgeneigt ist, wird es vermutlich doch lieber ganz selber machen (und so mehr Geschmack ans Schnitzel bekommen). Wer dafür keine Zeit hat, kann sich im Handel bedienen und fertige Seitansteaks oder Seitanschnitzel kaufen, die man nur noch anbraten muss.

Alles in allem hat mich der Test immerhin motiviert, demnächst mal wieder „was aus Seitan“ zu produzieren. Vielleicht sogar ein Schnitzel, mal sehen, wie das im Do-it-yourself klappt.

***

Hier gehts zur Vetzi-Homepage..

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Über Claudia Klinger

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Ein Kommentar zu Vetzi – vegane Schnitzel in 15 Minuten? Der Realitätstest

  1. Vielen Dank für den Bericht!

    Vor längerer Zeit bin ich im Internet auch schon einmal über diese Schnitzel gestolpert und habe mich gefragt, ob diese wohl einen Kauf wert wären – jetzt weiß ich es… definitiv nein :-)

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