[Den folgenden Kommentar von Anica Beuerbach zur aktuellen Situation hab‘ ich im Greenpeace-Magazin / August 2016 entdeckt und darf ihn hier zweitveröffentlichen.]

Viele Deutsche essen bewusst weniger Fleisch – doch weil der Export von deutschen Billigprodukten boomt, werden immer mehr Tiere geschlachtet. Ein Kommentar von Anica Beuerbach.

Ich bin Vegetarierin. Damit gehöre ich laut neustem Ernährungsreport des Bundeslandwirtschaftsministeriums zu jenen drei Prozent der in Deutschland lebenden Menschen, die komplett auf Fleisch verzichten. Zwar hat man, wenn man wie ich in der Großstadt lebt, das Gefühl, es müssten deutlich mehr sein: Im Supermarkt gibt es längst zahllose alternative Produkte, und es gibt eine gute Auswahl an veganen und vegetarischen Restaurants. Ich höre auch in meinem Umfeld von vielen Menschen, die weniger Fleisch essen als früher. Tatsächlich aber sind wir eine kleine Minderheit. Abschreckende Berichte über Massentierhaltung und Tierquälerei finden meist nur Anklang bei Menschen, die sowieso schon auf Fleisch verzichten. Der Fleischkonsum der Deutschen geht seit Jahren nur leicht zurück – von 60 Kilogramm pro Kopf im Jahr 2014 auf 59 Kilogramm pro Kopf in 2015. Immerhin: Er geht zurück, und das freut mich.

Nun würde ich annehmen, dass der gesunkene Konsum auch zu einer niedrigeren Produktion führt. Tatsächlich aber ist in Deutschland genau das Gegenteil der Fall: 4,1 Millionen Tonnen Fleisch wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im ersten Halbjahr 2016 erzeugt. Ein neuer, aber ernüchternder Rekord.

Wursttheke

Reichgefüllte Wursttheke – Der Konsum von Fleisch ist in Deutschland nur leicht zurück gegangen

Der Grund ist klar: Deutschland exportiert Fleisch in rauen Mengen. Ein Großteil geht in andere europäische Länder, doch immer mehr in Deutschland „erzeugtes“ Fleisch wird nach China exportiert. Die Menge, die hierhin ausgeliefert wird, habe sich im letzten Jahr verdoppelt, so der Verband der Fleischwirtschaft. Weitere Abnehmer sind Japan, die Philippinen oder Vietnam. Dabei locken auch die im Vergleich niedrigen Preise. Schlachtarbeiter werden in Deutschland geringer entlohnt als in den Nachbarländern. Deutsche Landwirte und Schlachthöfe produzieren Billigfleisch für den Discounter – und für den Weltmarkt.

Für Vegetarier wie mich ist die Zunahme der Fleischproduktion eine große Enttäuschung. Denn ich verzichte nicht aus Geschmacksgründen auf Fleisch, sondern weil ich weiß, dass dafür Tiere grausam gehalten und geschlachtet werden. Nun muss ich feststellen, dass mein Fleischverzicht nicht dazu führt, dass weniger Tiere leiden müssen. Stattdessen wird mit deutscher Effizienz und Dumpinglöhnen weiterhin exzessiv Massentierhaltung betrieben.

Ende Juni hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks die Deutschen dazu aufgefordert, weniger Fleisch zu essen, um damit das Klima zu schützen. Mit gutem Grund: Die Viehzucht in großen Mastbetrieben erfordert den Import klimaschädlich erzeugter Futtermittel wie Mais und Soja. Außerdem werden bei der Fleischproduktion mehr Treibhausgase produziert als beim Gemüseanbau, insbesondere CO2 und Methan. Angesichts der wachsenden Exportzahlen wirkt die Aufforderung von Barbara Hendricks aber wie ein Hohn. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass der freiwillige Verzicht die Produktion von Fleisch nur kaum beeinflusst.

Vielmehr müsste die Bundesregierung dafür sorgen, dass Tiere besser behandelt werden: Sie sollte hohe Tierschutzstandards und ausreichend Platz für ein Ausleben des arttypischen Verhaltens vorschreiben, Verstümmelungen verbieten, mit denen Schweine, Rinder oder Hühner für das Leben in drangvoller Enge tauglich gemacht werden, die Züchtung gesunder Tiere fördern. Das sind keine radikalen Forderungen: Die allermeisten Menschen, auch die Fleischkonsumenten, wünschen sich eine gute Behandlung der Tiere, wenn man sie danach fragt. Das würde zwar die Fleischprodukte teurer machen, aber in der Folge würden Konsum und Exporte sinken. Doch dazu fehlt der Regierung bisher der Wille.

Aber ein Trost für alle Vegetarier: Ohne unseren Fleischverzicht wäre die Produktion sicherlich noch höher – und noch mehr Tiere müssten leiden.

Anica Beuerbach

***

Erschienen auf greenpeace-magazin.de
© 2017 Greenpace Media GmbH

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2 Kommentare zu „Die Zunahme der Fleisch-Produktion ist eine große Enttäuschung“

  1. Wenn die Vegetarier Fleisch essen würden, wäre die Fleischproduktion vielleicht sogar geringer. Bei ihren Überlegungen vergessen die Vegetarier nämlich den Bauern, der seinen Hof nicht aufgeben will und ja auch von irgendwas leben muss. Die Situation ist die, dass der Bauer MEHR Fleisch billig nach China verkaufen muss, um DENSELBEN Erlös zu haben, den er hätte, wenn er das Fleisch in Deutschland zu guten Preisen absetzen könnte. Kann er aber nicht, wenn mehr und mehr Leute Vegetarier werden. Damit der Bauer seinen Hof halten kann, muss er ihn vergrößern, mehr Tiere halten und sie billiger verkaufen.
    Es tut mir Leid, wenn ich das sagen muss, aber die Vegetarier bewirken das Gegenteil von dem, was sie sich wünschen.

  2. Thorsten sagt:

    Wir haben hier einen Zuzug von Millionen Menschen aus anderen Kulturkreisen seid 2015. Menschen, die überwiegend Fleisch essen.
    Daher der Anstieg.

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