Es hat in diesem Blog eine kleine Pause gegeben, denn auf einer Reise blogge ich meistens nicht. Leben geht dem Schreiben noch immer vor. :-)

So ist die „Veggie-World“-Messe, die ich besuchte, nun schon eine gute Woche her. Trotzdem will ich Euch berichten, wie gut mir diese Veranstaltung gefallen hat – trotz bzw. auch wegen der „Vielfalt der Strömungen“ des breiten Veggie-Versums, die dort die üblichen Kontroversen austrugen.


Zu allererst: die Veranstaltung war mit über 20.000 Besuchern ein großer Erfolg! Die Massen strömten am Sonntag so heftig, dass man schon nach zwei Stunden kaum mehr durch die Gänge kam. Ich war froh, gleich zur morgendlichen Eröffnung rein gekommen zu sein, denn da war alles noch übersichtlich. Die Stände mit fast ausschließlich veganen Produkten boten ein breites Spektrum ihrer Köstlichkeiten als Probierhäppchen zum kosten an – klasse!

Es gibt ihn doch: veganen Käse, der nach Käse schmeckt!

Wer kennt das nicht: man wühlt sich als Einsteigerin durch die veganen Käse-Angebote im Web, die ja durchweg nicht billig sind. Bestellt man was, ist die Chance auf einen Mega-Flop recht groß. Ich hab‘ schon mehrere solche „Käse“ wegwerfen müssen, da sie weder kalt noch warm einen größeren Charme versprühten als ein großes, sehr seltsam gewürztes Stück Fett.

Auf der Veggieworld konnte ich dagegen viel probieren – und war dann schwer begeistert, wie gut sich das Angebot entwickelt hat.

Die Käse von Vegourmet (Eigenmarke des österreichischen veganversand.at) waren durchweg ok. Richtig begeistert hat mich aber ein Schmelzkäse namens No-Muh, Melty von vegusto. Zwar schmilzt er nicht so ganz leicht wie richtiger Schmelzkäse, doch gibt man ein wenig Flüssigkeit und ordentlich Hitze dazu, gelingt es dann doch. Und es SCHMECKT wirklich wie Käse: Ich hab mir zwei Rollen mitgenommen und gestern einem Freund Nudeln mit Käsesoße vorgesetzt – ein voller Erfolg!

Auch das Wurstangebot war interessant: hier konnte man ausgiebig geschmackliche Qualitätsunterschiede austesten! Etliche Varianten waren für mein Empfinden zu trocken, bzw. zu wenig fett. Fett ist nun mal Geschmacksträger, daran kommen auch vegane Würste nicht vorbei. Gekauft hab‘ ich mir zwei große Veggie-Räucherwürste von Vegetalis, die mich voll überzeugten.

Zankapfel Vales: Veganer protestieren gegen Milcheiweiß-Verwender

Die Firma FrieslandCampina Cheese GmbH war mit ihren Valess-Produkten ebenfalls auf der Messe vertreten. Sie verteilte die aus Milcheiweis und Ei hergestellten Schnitzel, die von vielen Besuchern auch gern probiert wurden. Meine (persönliche) Meinung dazu steht mittlerweile fest: Wenn schon Fleischersatz, dann lieber gleich ganz vegan. Es gibt Seitan, Tofu und Sojaschnetzel, aus denen man eine Menge toller Sachen machen kann. Warum denn dann noch Milch verwenden?

Im Vorfeld hatte die Einladung dieser Firma zur Absage des kürzlich gegründeten Veganerverbands (Vegane Gesellschaft Deutschland) geführt. Christian Vagedes schrieb dazu einen offenen Brief, an den VEBU, in dem es heißt:

„dieser konzern steht für massentierhaltung, gentechnik, massive verstöße gegen tierrechte, er praktiziert außerdem eine menschenrechtlich bedenkliche vertriebspolitik (milchpulver nach afrika und asien) – und steht wirklich nicht für »veggie«! „

Mit einem großen Transparent „Milchausstieg.de“ platzte die vegane Aktivistengruppe dann auch in die Podiumsdiskussion und kritisierte lautstark die Anwesenheit von FrieslandCampina. Gleichzeitig nahm man die Gelegenheit war, für eine neue, garantiert „reine“ Veganermesse zu werben, die als „VeganFach“ im Herbst in Berlin stattfinden wird. Ich bin gespannt und werde die Messe (quasi vor der Haustür) garantiert besuchen.

Podiumsdiskussion: “Erst das Fressen, dann die Moral”


Die Podiumsdiskussion am Sonntag-Nachmittag verlief insgesamt erwartbar kontrovers, doch faszinierten die Teilnehmer mit Ernsthaftigkeit und Engagement. Sebastian Zösch (Vebu, Messe-Initiator) Tierethiker Helmut Kaplan und Katrin Duwe („anständig essen“) verhandelten die Frage, ob der aktuelle Vegetarisch-Boom nun auch einen Wandel im Verhalten bedeute, was sich mit Zahlen natürlich noch nicht belegen lässt. Strittig war auch, ob die Parole „weniger Fleisch!“ als möglicher Konsens breiter Bündnisse gegen die Massentierhaltung förderlich sei oder nicht.

Weniger Fleisch – eine konsensfähige Parole?

Kaplan meinte, den Tieren bringe das gar nichts, denn die Fleischindustrie nutze das neue Vokabular (Respekt vor dem Tier, Nachhaltigkeit, ökologisch etc.), um noch mehr Fleisch zu verkaufen. Katrin Duwe hielt dagegen, man müsse jeden da abholen, wo er eben gerade steht – und WENIGER FLEISCH sei ja doch auch schon ein Erfolg im Sinne einer Reduzierung. (So sehe ich das auch, wie man am Namen dieses Blogs schon erahnen kann).

Als Noch-Fleisch-Esser nahm Tim Serowski an der Diskussion teil, der Macher des „Trollblogs“ Antiveganer.de (links im Bild). Der bekam etliche Buhrufe aus dem Puiblikum, blieb aber im Gespräch etwas blass. Denn wie allermeist ging es nicht um die Diskussion MIT Fleischessern, sondern um die unterschiedlichen Haltungen von Veganern, Vegetariern und Tierrechtlern. Duwe gab dem Tierrechtler Kaplan moralisch 100%ig Recht, erfreute aber mit dem einsichtigen Satz, es müsse auch niedrigere Einstiegshürden für moralisch Minderbemittelte wie sie selber geben. Nach ihrem Test-Jahr mit sehr unterschiedlichen Ernährungsweisen versucht sie seit Herbst 2010 vegetarisch zu leben. Beim Vorhaben, auch Milch und Käse wegzulassen, musste sie laut eigener Aussage erkennen: Das packe ich nicht, obwohl ich es richtig finde…

Kratzer am Selbstbild, umstrittene Mitstreiter

An der Stelle wenden sich dann, wie Duwe bedauerte, viele vom Thema ganz ab: Menschen, die es nicht schaffen, GANZ auf Fleisch zu verzichten, ebenso solche, die „voll vegan“ nicht schaffen. Die Verletzung des Selbstbilds schmerzt so sehr, dass man sich lieber gar nicht mehr in die richtige Richtung bemüht und sogar mit Aggressivität auf jene reagiert, die eine vollständige Umstellung schaffen. Nicht gut für die Veggie-Bewegung und schon gar nicht gut für den Kampf gegen die Tierleid maximierende Massentierhaltung.

Für Dissens sorgte am viel zu frühen Ende der spannenden Diskussion dann auch noch die Forderung Kaplans, Vereine wie „Universelles Leben“ nicht auszugrenzen, da sie doch ebenfalls eine vegan-vegetarische Ernährung propagieren. Das war nun wiederum Duwe zuviel: eine Sekte schade der Bewegung, es kämen dann alle Veggies in Verruf, irgendwas Sektenhaftes zu sein.. usw. usf.

Nun, so gehts halt zu in einer breiten und derzeit recht erfolgreichen „Bewegung“: Spaltung, Sektierertum, Radikale und Gemäßigte – das pralle Leben! Mit hat’s gefallen und ich freue mich auf weitere Messen im vegan-vegetarischen Kosmos.

Es gäbe noch viel mehr zu erzählen, doch werde ich weitere Details in eigenen Beiträgen bringen.
Hier aber noch ein paar Berichte anderer Quellen:

* Veggieworld 2011 (ausführlicher Bericht von Andre Marx, der auch alle Vorträge auflistet, die gehalten wurden.

* VeggieWorld war ein voller Erfolg (VEBU-Pressemitteilung);

* Podiumsdiskussion – VeggieWorld 2011 – Tim Serowskis Bericht auf antivegan.de;

* Vegane Gesellschaft sagt VeggieWorld ab (Tierrechte-Blog).

* Käse aus Nüssen und Reismehl (FR zu den Streitigkeiten im Vorfeld der Messe);

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Über Claudia Klinger

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4 Kommentare zu Meine Eindrücke von der Veggie-World

  1. Diana sagt:

    super Artikel! …den Menschen da abholen wo er steht.“ Das ist die wahre Kunst.

    Und machen wir uns mal nichts vor. Wer das erste Mal in einen Bioladen geht, ist absolut überfordert, da er sich bei vielen Produkten überhaupt nicht vorstellen kann, was man damit machen kann.
    Und genau wie du schreibst, probiert er zu Anfang vielleicht die „falschen“ Tofuwürstchen etc. aus. Ist dann geschmacklich und womöglich preislich enttäuscht und greift dann aus „Verzweiflung“ wieder zu den herkömmlichen Artikeln im Regal zurück.

    Gesunde und schmackhafte Ernährung wird leider immer mehr zur täglichen Herausforderung!

    Liebe Grüße
    Diana

  2. Pingback: VeggieWorld 2011 « mcflash99.de

  3. Pingback: Nicht versäumen: VeggieWorld, die Messe für nachhaltiges Genießen » Unverbissen vegetarisch

  4. Schokolia sagt:

    Danke für die interessante Zusammenfassung. Die nächste Veggie-Messe steht ja vor der Tür und ich überlege, auch dahin zu fahren. Da es aus Köln jedoch nicht gerade um die Ecke ist, ist es schön, einen Erfahrungsbericht zu kennen. Vor allem aus einer eher „gemässigten Ecke“, wo man nicht zuerst den Ersatzreligionscharakter wieder runterrechnen muss.
    Liebe Grüße
    Petra

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