Ab und zu poppen in der Blogosphäre Themen auf, die eigentlich gefühlte 10.000 mal besprochen wurden, aber plötzlich dazu anregen, eine Welle zu machen. Vegane Ernährung ist in diesem Sinne ein besonders beliebter Aufreger, der gerade wieder für heftige Brandreden („Rants“) gut ist. Hier mal ein paar Ausschnitte aus der aktuellen Debatte:

  • Heute gibt es Schichtsalat! Oder: Auch Veganer fahren Auto!
    „Susa“ auf Hunterachtzig Grad beginnt ihren Artikel mit einem #Aufschrei und läuft in ihrem Rundumschlag gegen alle missionierenden und kommentierenden Besser-Esser zur Hochform auf. In den Kommentaren applaudiert das Publikum massenhaft, sie hat also einen Nerv getroffen. Auch schreibt sie nicht nur empört, sondern stellenweise auch recht witzig – Auszug:

    Letztendlich ist die Essensreligion auch ein probates Identifikationssmerkmal hipper bildungsbürgerlicher Familien, einschließlich der Laktoseallergie, dem rechtmäßigen Nachfolger der Zahnspange, ohne die kein Kind besser verdienender Eltern heute noch in den außerschulischen Japanischunterricht gehen kann, will es sich vor seinen Freunden nicht schämen müssen.
    Daraus entwickelt sich ein verbissenes ökologisches Wettrennen um die Krone des allerbewusstesten Essers (… Ihr Frau Königin, Ihr seid die Vegetarischste hier, aber Schneewittchen hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, ist gleich vegan und damit tausendmal besser als Ihr …).

  • Sind wir nicht alle Andersesser? Kleines Plädoyer für mehr kulinarische Weitsicht
    „Herr Paulsen“ (Mitautor von ‚Deutschland vegetarisch‘) ruft zur Mäßigung und Toleranz auf, denn Essen sei nun mal etwas sehr Persönliches, bei dem sich niemand gerne reinreden lassen. Und er hat einen weiten Blick für politische Entwicklungen, der ihn mir sympathisch macht:

    „Das absolut nervtötende an der reinen „Tiere essen“-Diskussion: sie kommt niemals zu einem Ergebnis. Jeder These folgt die Gegenthese, immer alles hieb und stichfest und von herbeizitierten Experten unterschrieben. Neustes Kriegsgebiet: die Unterscheidung zwischen fühlenden Lebewesen und nichtfühlenden Lebewesen. Ja, hömma! Fakt ist: die Vegan-Vegetarisch-Mir doch am liebsten Wurscht-Debatte, die bislang zu nix führt außer zu Ungemach in größeren und kleineren Zusammenhängen, lenkt herrlich ab von lobbygesteuerter Politik zugunsten der Lebensmittelindustrie oder komplexeren Themen wie beispielsweise dem Freihandelsabkommen, dass geeignet ist, die schönen neuen Utopie von „regional“ und „nachhaltig“ nachhaltig zu pulverisieren.“

    Für mein Empfinden ist die Reduktion des Themas „Tiere esssen“ auf persönliche Vorlieben nicht ganz stimmig. Ob ich lieber Gurken oder Tomaten esse, darüber wird sich niemand aufregen. Dass aber für den täglichen Fleischkonsum eine grausame Massentierhaltung nötig ist, ist schon auch ein politisches, jedenfalls ethisches Thema, das man nicht als reine Geschmacksfrage einfach beiseite stellen kann.

  • Finger weg von meinem Essen!
    Sabine Schlimm schreibt (im Büchern und ihrem Blog) viel über Essen und Gefühle. So auch in diesem Artikel, indem sie die „emotionale Sicherheit“ beleuchtet, die Essen uns gibt. Von daher erklärt sie dann auch den Ärger, den Veganer oft erregen, ganz ohne in irgend einer Weise übergriffig geworden zu sein:

    „Meiner Erfahrung nach gibt es kaum etwas, bei dem sich Menschen so in ihrer Lebensführung und in ihren Überzeugungen angegriffen fühlen wie bei der Frage, was sie essen, was nicht – und warum. Meine Netzwerkkollegin Julia hat letztes Jahr ebenfalls mal ein veganes Experiment durchgeführt und musste feststellen, dass sie darauf abwertende bis aggressive Reaktionen erntete. Sie führt das nicht weiter aus, aber wenn man mal bei Illith vorbeischaut, bekommt man eine Ahnung davon, welche stereotypen bis schlichtweg bekloppten Reaktionen der simple Satz „Ich esse vegan“ auslösen kann.

    …. Essen bietet emotionale Sicherheit. Es ist ein Halt, oft auch ein Festhalten an Gewohntem in unruhiger Zeit und soll daher bitteschön nicht selbst irgendwelchen fluktuierenden Werten unterworfen sein, zu denen man wieder Stellung beziehen muss. Es fühlt sich zutiefst persönlich an ‒ sobald aber jemand durchblicken lässt, dass er oder sie eine andere Essenswahl trifft, und dafür wie auch immer geartete weltanschauliche Gründe nennt, verliert auch mein Essen plötzlich den Status des Nur-Persönlichen. Ich fühle mich aus dem privaten Schutzraum, den mir das Essen suggeriert, in eine Öffentlichkeit gezerrt, in der meine Essensauswahl plötzlich Ausdruck einer Ideologie wird.“

  • Von Menschen und Tieren (und Politik)
    Antje Schrupp lese ich sehr gerne, doch dieser Artikel hat es mir mal nicht angetan, mich nicht zum Kommentieren gereizt wie sonst meistens. Sie kritisiert Thierethiker, die den Unterschied zwischen Mensch und Tier verwässern:

    Nicht dass ich meine, Menschen wären gegenüber Tieren zu nichts verpflichtet. Das sind sie. Aber die Rede von „Speziezismus“ verharmlost diskriminierende Praktiken der Menschen untereinander, weil sie angesichts der offensichtlichen Unterschiede zwischen Menschen und Tieren das Bekenntnis zur prinzipiellen Gleichheit aller Menschen verwässert und relativiert. Wenn eine Kuh nicht in die Schule geschickt werden muss, wieso dann ein Mädchen?
    Da braucht jetzt übrigens gar niemand den Kopf zu schütteln, diese Vergleiche sind in Westeuropa bis ins 19. Jahrhundert hinein ganz genauso gemacht worden. Weiße männliche Philosophen siedelten Frauen und Menschen of Color irgendwo zwischen den „richtigen“ Menschen (sich selbst) und Tieren an. Deshalb sehe ich, sobald jemand ernsthaft Speziezismus mit Rassismus und Sexismus gleichsetzt, rot. Denn damit gibt es eben keine klare Grenze, sondern einen fließenden Übergang zwischen Menschen und Tieren. Und warum dann nicht auch zwischen Menschen untereinander, sodass bestimmte Menschen höher und andere tiefer stehen, näher an den Kühen eben?

    Ich halte diese Bedenken in heutiger Zeit für ziemlich weit hergeholt. Und sowieso ist mir die Tierethik/Speziezismus-Debatte zu theoretisch und entlegen, zu sehr von aller Lebens- und Essens-Praxis entfernt, als dass ich mir darüber auch noch den Kopf zerbrechen müsste. Der Zugang übers Mitgefühl mit den geschundenen Tieren ist viel naheliegener und vermittelbarer als die Idee einer „rechtlichen Gleichstellung“ oder die Auseinandersetzung über Unterschiede, fließende Übergäng oder dergleichen.

Soweit für jetzt! Weitere erwähnenswerte Artikel zum Thema könnt Ihr gerne in den Kommentaren verlinken!

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Über Claudia Klinger

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Eine Antwort auf Der Streit ums richtige Essen: eine niemals endende Debatte

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