Unverbissen vegetarisch

…flexitarisch, vegetarisch, vegan? Hauptsache, die Richtung stimmt!

WieFleisch: kein Gluten, kein Soja, kein Tofu – neue Fleischalternative ausprobiert

Zufällig hatte ich bei Peter (Die Umsteiger – weg vom Fleisch) mitbekommen, wie er eine neue Fleischalternative rühmte: Ganz großartig seien diese „Wie-Bacon“-Würfel – und auch die anderen Varianten (wie Rind, wie Huhn) seien sehr gut, wenn auch nicht ganz so umwerfend.

Klar, dass mich das neugierig machte! Mit wenigen Klicks fand ich den Hersteller und staunte nicht schlecht, denn da heißt es tatsächlich:

„Veganer Fleischersatz, der wieFleisch schmeckt. Ohne Soja, ohne Tofu. wieFleisch aus Gemüse!“

Zu meinem Erstaunen enthalten die „Gemüsezubereitungen mit Fleischgeschmack“ auch kein Weizeneiweiß (Gluten, Seitan) und nicht mal Lupinenmehl, mit dem seit einiger Zeit versucht wird, eine weitere Fleischalternative zu etablieren – mit nach meinem Empfinden eher weniger Erfolg.

wieFleisch - gebraten

Transparenz-Info: Bevor Ihr weiter lest, sollt Ihr wissen, dass ich die Firma, die die neue Alternative unter dem Namen „WieFleisch“ vermarktet, sofort anmailte und ums Zusenden einer Warenprobe bat! Schließlich sind Fleischalternativen ein Schwerpunktthema dieses Blogs und wenn Peter etwas in diesem Sektor gut findet, ist es auf jeden Fall einen Versuch wert.

Weil ich weiß, dass es etliche Menschen gibt, die aus unterschiedlichen Gründen weder Sojafleisch, noch Seitan, noch Tofu als Fleischalternative akzeptieren, fand ich „WieFleisch“ umso spannender: Es basiert tatsächlich auf Zwiebeln, Karotten, Erbseneiweiß und Erbsenfasern – warum da wohl vorher noch niemand drauf gekommen ist? Reich an Ballaststoffen, Eisen und Proteinen, ohne Konservierungsstoffe – was will mensch mehr? Nun muss es nur noch schmecken, ich war sehr gespannt!

Was ankam, waren drei Familienpackungen (!) mit jeweils 500 Gramm Wiefleisch der drei Sorten „wie Bacon“, „wie Huhn“ und „wie Rind“. Du lieber Himmel – für einen Single-Haushalt war das eine ganze Menge, ich hatte eher mit den 200-Gramm-Packungen gerechnet. Die Schnetzel und Würfel in den Kunststoffbeuteln sehen so aus:

wie Huhn, Bacon, Rind

Von links nach rechts: Wie Huhn, wie Bacon, wie Rind. Auf jeder Packung klebte ein Aufkleber mit der Zutatenliste, die bei allen drei Sorten gleich lautete:

Zutaten: Gemüse 38% (Karotten, Zwiebeln), Wasser, 20% Erbsenprotein, Erbsenfaser, Kartoffelstärke, Sonnenblumenöl, natürliche Aromen, Salz.

Nährwertangaben pro 100g:
Brennwert 160kcal / 675kJ;
Einweiß: 20 gr;
Kohlenhydrate: 8,9 gr
Fett: 3,8 gr;

Zur Haltbarkeit steht zwar auf den Packungen, man müsse sie nach dem Öffnen binnen drei Tagen verbrauchen, aber daran hab‘ ich mich nicht gestört sondern alle drei aufgeschnitten. Schließlich soll sich so ein Produkttest nicht über Wochen hinziehen, zur Not würde ich es halt einfrieren. Optisch sahen die Teile schon mal recht appetitlich aus:

Fleischalternative WieFleisch

Erster Geschmackstest: Schon „pur“ ganz angenehm

Der erste Geschmackstest aller drei Sorten war vielversprechend. Es ist ja durchaus üblich, dass die Hersteller von Fleischalternativen das „Geschmack geben“ nicht vorwegnehmen, sondern weitgehend uns überlassen. Bei Trockenssoja geht es nicht anders, bei Tofu hat das viele nachhaltig abgeschreckt, so dass es mittlerweile doch etliche vorgewürzte Sorten gibt.

Mit WieFleisch haben die Hersteller tatsächlich die gute Mitte getroffen: alle drei Sorten schmecken schon ein bisschen nach ‚was, aber nicht zu sehr. Die Bacon-Variante hat auch mir sofort am besten gemundet, danach folgten Rind und Huhn so ziemlich auf gleicher Höhe.

Die Teile sind natürlich nicht dafür gedacht, „roh“ verspeist zu werden, man darf also keinen Wow-Effekt erwarten wie bei einem guten Fertiggericht. Dennoch war ich jetzt schon sicher, dass die Bacon-Variante – entsprechend gewürzt und gebraten – ihren Dienst als Schinkenwürfel-Ersatz sehr gut leisten würden. Die Wie-Rindfleisch-Variante erinnerte mich tatsächlich ein wenig an den Geschmack von Trockenfleisch. Wie-Huhn schmeckte dagegen eher neutral, was allerdings ein sehr subjektiver Eindruck ist. Ein Freund, der später ebenfalls probierte, fand nämlich, es schmecke tatsächlich ein wenig „wie Huhn“. So unterschiedlich sind die Wahrnehmungen! Anders als er hätte ich mir die Würfel und Schnetzel auch einen Tick salziger gewünscht, doch verstehe ich, dass die Hersteller da nicht vorgreifen wollen. Viele Veggies bemühen sich ja eher um eine weniger salzige Kost.

Die Konsistenz der WieFleisch-Produkte ist nun das, was wahrlich beeindruckt! Sie kommt wirklich näher ran an die Originale als die meisten anderen Alternativen, die ich kenne (nur MockDuck kann Geflügel besser faken, ist aber als Fertiggericht nicht wirklich vergleichbar). Genau der richtige Biss, nicht zu weich, aber auch nicht zäh, nicht auseinander fallend und nicht so extrem faserig wie Sojafleisch, aber ohne dass man das vermisst. Auch erinnert NICHTS an das Oszillieren zwischen Gummi-artig und schwammig, das man vom selbstgemachten Seitan kennt. Großes Lob den Erfindern an dieser Stelle!

Wie Fleisch – angebraten

Ein paar Schnetzel von jeder Sorte hab ich dann erstmal mit Salz und Pfeffer gewürzt und kräftig angebraten. Leider bin ich keine gute Food-Fotografin, aber ein Bild ist immer besser als nichts:

wie-fleisch

Eine weitere Variante mit Zwiebeln und Mangold zeigt das erste Foto weiter oben in diesem Artikel. In den nächsten Tagen hab‘ ich mir oft solche schnellen Imbisse mit WieFleisch zubereitet, hier zum Beispiel Wie-Huhn auf Salat:

wie-huhn-auf-salat

Am schnellsten aufgebraucht waren die Wie-Bacon-Würfel, die mir mit Abstand am besten schmeckten. Ich verwendete sie überall, wo normalerweise Räuchertofu zum Einsatz gekommen wäre. Die Wie-Huhn-Variante kam als Geschnetzeltes in Champignon-Sojasahne-Soße, die Wie-Rind-Streifen ergaben ein gutes Gulasch. Wie immer hängt das Gelingen all dieser Gerichte von der Zubereitung ab: die Würzung bzw. das vorherige Marinieren, die Kräuter und das Begleitgemüse „machen“ den Geschmack. Wenn das Ausgangsprodukt für die vegane „Fleischeinlage“ dann eine derart gute Konsistenz mitbringt wie das innovative „Wiefleisch“, die sich auch gebraten und gekocht nicht wesentlich verändert, ist das optimal.

Ich war also rundum angetan, von Wie-Bacon sogar richtig begeistert! Dass man die geöffneten Beutel binnen drei Tagen verbrauchen soll, erwies sich zum Glück als reine Schutzbehauptung. Ich brauchte über eine Woche, um die 1,5 Kilo zu verwerten und noch immer waren die Schnetzel im Kühlschrank voll in Ordnung – nicht der Schimmer schlechten Geruchs oder sonstiger Veränderungen.

Alles super also? Kein Haken an der Sache?

DOCH!!! Und zwar ein ganz gewaltiger, der mich sogar von einer weiteren Bestellung absehen lässt.

Verpackung und Kühlmaterial: eine krasse Umweltbelastung!

[Update 2.10.16: mittlerweile ist die Verpackung optimiert worden – siehe den Kommentar von Katalin]
Auf den ersten Blick meinen es die Hersteller (Peter Zenz GmbH) gut mit der Umwelt, denn sie versenden die Pakete immerhin CO2-neutral:

CO2-neutral

Allerdings ist es angesichts der Verpackung mehr als fraglich, ob so ein Produkt überhaupt versendet werden sollte, wenn es einen derart massiven Kühl- und Verpackungsaufwand benötigt, wie es „Wiefleisch“ offenbar braucht.

Was zwecks Belieferung von nur drei Tüten Fleischalternative á 500 Gramm bei mir ankam, war ein schickes, innen und außen mit Alufolie kaschiertes Paket aus extrudiertem Polystyrol (XPS), das einiges an Plastikmaterial enthielt:

Alu-Verpackung

Über Alu-Verpackungen schreibt der BUND / Friends of the earth:

Für die Herstellung von Aluminium werden große Mengen Rohstoffe und Energie benötigt. Zum Abbau des Vorstoffes Bauxit werden brasilianische Regenwälder und sibirische Urwälder gerodet und große Landstriche zur Energiegewinnung durch Staudämme unter Wasser gesetzt. Bei der Erzeugung fallen hochgiftige Abfallprodukte an, wie schwermetallhaltige Schlämme, klimaschädliche Fluorkohlenwasserstoffe, das ätzende Fluorwasserstoff sowie Kohlenmonoxid und Schwefeldioxid – die Mitverursacher von saurem Regen.

Da wir uns an Plastiktüten als schier unvermeidlich gewöhnt haben und das, was Plastik in der Umwelt anrichtet, allgemein bekannt ist, halte ich mich mit den Tüten hier nicht weiter auf. Aber was jetzt kommt hat mich schier aus den Socken gehauen:

kuehlpacks

Was Ihr auf dem Bild seht, sind die Kühlpacks, die zur Kühlung des eigentlichen Paket-Inhalts offenbar erforderlich waren, diesen an Gewicht aber bei weitem übertrafen! Ich hab‘ das Ganze auf der Küchenwaage ausgewogen: Es sind stolze 2,4 Kilo Kühlpacks, die hier 1,5 Kilo Fleischalternative begleiten.

Angesichts dieser Verpackungs- und Kühlungs-Orgie wirkt der Aufkleber „Responsible Delivery“ fast schon ein wenig zynisch. Selbst wenn das bloße Transportgewicht durch Ausgleichsmaßnahmen des Transportunternehmens „neutralisiert“ wird, bleibt doch immer noch der Fakt, dass das enthaltene Gefriergel erst hergestellt, in die Tütchen-Matten gepackt und herunter gekühlt werden muss (=Energieeinsatz). Ob das Gefriergel für sich genommen irgendwie schädlich ist (ich hatte es schnell an den Fingern), konnte ich nicht ermitteln, da beim Hersteller der Kühlpacks keine Angaben über deren Inhalt gemacht werden.

Fazit: Ein tolles Produkt in einer viel zu aufwändigen, aufgrund des XPS-Dämmststoffes unverrottbaren Verpackung, die nurmehr verbrannt werden kann (das sogenannte „thermische Recycling“). Umgeben von zweifelhaften Kühlelementen, die das Gewicht des Pakets fast verdreifachen.

Und all das dafür, damit ich in Gemüse-Schnetzel mit dem „richtigen Biss“ und gut gefakter Fleischanmutung beissen kann, sofern ich per kochen, braten, würzen alles richtig mache.

Ist es das wert? Für mich nicht.

Die Alternative: Bringt WieFleisch in die Läden!

Ob der Verpackungs- und Kühlaufwand wirklich so groß sein muss, um irgendwelchen Vorschriften zu genügen, kann ich nicht beurteilen. Wenn ich bei Veganwonderland kühlungsbedürftige Ware bestelle, wird mir angeboten, optional ein oder zwei kleine (!) Kühlpacks dazu zu kaufen. Die Waren kommen in Pappkartons, übers Wochenende wird auf Wunsch nicht versendet, damit keine lange Pause entsteht. Ob das auch mit Wiefleisch so gehen könnte? Ich weiß es nicht. Aber: Warum die Produkte nicht über Läden vertreiben? Die Bio-Läden und erst recht die Vegan-Läden bieten ja bereits Fleischalternativen verschiedenster Art an. Warum nicht auch WieFleisch?

Im Grunde bräuchte es „vegane Metzger“, die sämtliche Fleischalternativen anbieten und auch selbst zubereiten. Dass man sich sein Soja-Steak selber einweichen/vorkochen und marinieren muss, ist doch ziemlich vorgestrig. Auch die Seitan-Zubereitung könnten vegane Metzger machen – und vorgewürztes WieFleisch wäre in solchen neuen Feinkost-Läden gewiss ein Renner!

***

Update Juni 2019:

Wegen der Nachfragen, was aus „WieFleisch“ geworden ist, hat mir der Vermarkter auf Anfrage mitgeteilt, dass das Produkt nicht mehr vertrieben wird, da der holländische Hersteller insolvent ist. Schade!!!

Autor: Claudia Klinger

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