Dieser Artikel wendet sich an Normalköstler und Vegetarier, die Interesse an veganer Ernährung haben und bisher versuchen, „schrittweise“ mehr pflanzliche Gerichte in ihrer Koch- und Ess-Routine zu berücksichtigen.
Wer hier länger schon mitliest oder mein Buch gelesen hat, weiß, dass ich definitiv JEDE Herangehensweise gut und unterstützenswert finde, die zu weniger Konsum von Tierprodukten führt. Wer also morgens Wurst, mittags Schnitzel und abends Spiegeleier isst, tut aus meiner Sicht mit der Einführung eines „Veggie-Tags“ etwas Richtiges und Gutes. Und aus vielen Reaktionen auf meine Veröffentlichungen weiß ich, dass nicht wenige darum bemüht sind, vegane Gerichte auszuprobieren – ohne schon gleich ganz zum „Veggi“ werden zu wollen.
Diese Vorreden halte ich, damit Ihr nicht denkt, ich hätte meine Meinung zu jeglichem „schrittweisen“ Vorgehen geändert. Es ist nur etwas dazu gekommen: Ich plädiere für einen „vollveganen Selbstversuch“ von ca. vier Wochen – auch für alle, die genau wissen, dass sie nie und nimmer „Vollveganer“ werden wollen. (Auch ich bin auf Dauer keine 100%lerin geworden…)
Warum eine „vegane Phase“?
Weil man nur dann tatsächlich motiviert ist, wirklich alle erdenklichen Alternativen für Milch, Quark, Joghurt, Soßen, Fleisch, Wurst, Eier, Fisch und all die vielen Produkte mit unnötigen „Milcheiweiß-“ oder Ei-Bestandteilen zu suchen und auszuprobieren. Nur wer mal ernsthaft versucht, in Sachen Tierprodukt möglichst „auf Null“ zu kommen, wird auch die nötige Zeit investieren, sich im Detail mit neuem Einkaufen, anderem Kochen und Essen auseinander zu setzen. Selbst wenn man sich später wieder vegetarisch oder mit „weniger Fleisch“ ernähren will, wird vieles während der veganen Phase gelerntes hängen bleiben – zu Gunsten der Tierwelt, der Umwelt und der Gesundheit.
Beispiel 1: Keine Joghurt-Alternative?
In jedem X-beliebigen Supermarkt finden sich ellenlange Regale allein für Milchprodukte: zig verschiedene Yoghurts, Quark, Süßspeisen, gefühlte 150 Käsesorten. Wer nun nicht grundsätzlich weg will von alledem, sondern „nur mal probieren“, kauft evtl. mal den (einzig vorhandenen pflanzlichen) Sojajoghurt von ALPRO, der zwar als „natur“ gelabelt, aber dennoch süß ist, und zudem einen ätzenden Vanille-Geschmack mitbringt, der diesen Yoghurt für Salate, Soßen und Kräuter-Aufstriche unverwendbar macht. Tja, schade, denkt sich Normalköstlerin und greift wieder zum Milchprodukt, in der gefestigten Meinung, dass es eben leider nix Verwendbares „in pflanzlich“ gibt. Experiment gescheitert!
Wer aber vorhat, wochenlang nichts „aus Milch“ zu konsumieren, wird sich informieren und feststellen, dass Provamel aus dem Bioladen und Sojade natur genau das Gesuchte bieten. Auch bezüglich der Milchalternativen braucht es mehr als einen Versuch mit „Sojadrink“. Vielerlei Sorten bieten eine breite Geschmackspalette, durch die man sich „durchprobieren“ muss, um eine Variante zu finden, die persönlich befriedigt (für mich als Milchkaffe-Trinkerin ist das Soja-Reismilch).
Beispiel 2: Unbefriedigende Auswahl
Im Supermarkt und sogar bei einzelnen Discountern finden sich mittlerweile ein paar wenige vegane Fleisch- bzw. Wurstalternativen. Fertigbolognese, Würstchen, Burger, Wie-Hack-Bällchen in Soße, jeweils eine Sorte – das ist in der Regel schon das ganze Sortiment. Kann man einmal essen, vielleicht auch zweimal, aber weder entsprechen die Würstchen der Vorstellung noch mag man diese Fertiggerichte immer wieder essen. Und der an sich motivierte Normalköstler verzichtet lieber auf die „Dauernutzung“, wen wundert’s!
Wer aber für mehrere Wochen die Alternative „Tierprodukt“ abgewählt hat, wird sich viel eher die Mühe machen, mal eine Auswahl vegane Würstchen im Versand zu bestellen, in guten Bio-Läden suchen oder das Abenteuer „Aufschnitt und Leberwurst selber machen“ angehen. Mehr Zeit braucht auch die vegane Bolognese, dafür schmeckt sie besser als das meiste, was man so als Hackfleischprodukt vorgesetzt bekommt! Und wenn ich schon bei Hackfleisch bin: Die mit wenig Zeitaufwand selbst zubereiteten Tofuletten schmecken richtig gut und werden von Fleischessern nicht mal erkannt (Party-getestet!).
Beispiel 3: Der Fertigschnitzel-Flop
Was werden Normalköstler wohl zuerst ausprobieren? Mal angenommen, sie kaufen sich ein veganes Schnitzel im Bioladen oder vom Versand. Und sind dann enttäuscht, weil es aus einer undefinierbaren Masse besteht, deren Konsistenz allenfalls an platt geklopfte Bouletten erinnert, und das Teil entweder gar nicht, jedenfalls aber anders als gewohnt schmeckt. Ob sie den Versuch wohl wiederholen? Ich denke, eher nicht. Wüssten sie aber, dass etliche fleischlose Wochen vor ihnen liegen, würden sie evtl. darauf kommen, dass aus Trockensoja hergestellte Schnitzel-Alternativen jene aus Weizeneiweiß (Seitan) um Längen toppen! Da stimmt die Konsistenz, denn Sojafleisch ist faserig – und man kann sie einlegen und so zubereiten und würzen, wie man es gewohnt ist (zum Einstieg empfehle ich die frappierend toll schmeckenden „Wiener Schnitzel“, die auch sehr leicht zuzubereiten sind.)
Und ja, nimmt man sich Zeit und wagt ein paar Flops, finden sich auch ein paar richtig wohlschmeckende Fertigprodukte aus Seitan wie etwa die Rosmarin-Rouladen von Wheaty, die ich hier schon mal gerühmt habe.
Beispiel 4: Weg vom Käse als Fleischersatz
Klassische Vegetarier geben immer wieder mal zur Kenntnis, dass sie „keinen Fleischersatz brauchen“. Na klar, denn betrachtet man ihre Kochbücher, wird schnell klar: KÄSE ist ihr Fleisch! Kaum ein Gericht kommt ohne Käse in irgend einer Form aus. Wenn nun die Vegetarierin mit besten Vorsätzen mal eben einen „veganen Käse“ erwirbt (was schwer genug ist, da diese Produktgruppe in gewöhnlichen Märkten gar nicht, in Bioläden eher selten vorkommt), ist die Chance groß, extrem enttäuscht zu werden. Zwar ist es im Lauf der Jahre schon besser geworden, doch sind Käse-Alternativen nach wie vor die „schwierigsten“ Alternativprodukte: Nur wenige halten dem Geschmackstest wirklich stand, wobei aber – verständlicherweise! – nie das Niveau eines richtig guten Milchkäses erreicht wird. (Dies gilt für den Rohverzeht, fürs Überbacken sind mittlerweile einige ganz ok). Auch sind Käse-Alternative hoch verarbeitete, „künstliche“ Produkte, was von vielen Veggis kritisch gesehen wird. Ein versuchsweiser Kauf von Vegan-Käse wird also kaum dazu führen, dass ein Vegetarier ernsthaft vom Milchkäse Abstand nimmt. Es braucht schon ein paar Wochen Totalverzicht, um sich ernsthaft mit einer Ernährung weitgehend ohne Käse auseinander zu setzen, mindestens! Dazu gehört dann auch eine neue Offenheit gegenüber Fleischalternativen, die ja nicht alle nur „Ersatz“ sind. Tofu und Seitan sind eigenständige Lebensmittel mit Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende alter Tradition. Was spricht dagegen, sie zu nutzen? Nur wenige Menschen sind willig, allein von „Körnern und Gemüse“ zu leben. Dies ohne Tierprodukte umzusetzen, braucht mehr Zeit und Motivation als nur „mal probieren“ inmitten gefestigter Tierprodukt-lastigen Koch- und Essgewohnheiten.
Beispiel 5: tierische Zutaten
Eine nicht zu vergessene Dimension der Auseinandersetzung mit pflanzlicher Ernährung ist der Blick auf die Zutatenlisten der im Supermarkt gekauften Produkte. Suppen, Soßen, Instant-Brühen, Süß- und Backwaren – da gibt es vieles, das EIGENTLICH die tierischen Zutaten gar nicht benötigt, aber dennoch enthält. Dass die MAGGI-Soße zu Braten ohne Tierisches auskommt, das entsprechende KNORR-Produkt aber Milchzucker beinhaltet, muss man erstmal wissen, bzw. sich die Zeit nehmen, solche Infos zu beachten. Selbst wenn man vorhat, später wieder weniger konsequent zu sein, wird man während der veganen Phase oft den Kopf schütteln über soviel vermeidbare Tierprodukte, die als Eiklar, Milcheiweiß und Milchzucker gefühlt „überall“ drin sind. Das hat schon ein bisschen was von Abfallbeseitigung, jedenfalls kam es mir bald so vor! Nach den vier Wochen wird man zumindest jene Produkte weiter nutzen, bei denen gar kein Unterschied zur pflanzlichen Variante schmeckbar ist – und wenn das viele machen, werden sich immer mehr Hersteller überlegen, ob es wirklich nötig ist, hier und da noch ein bisschen Milchzucker im Produkt zu versenken!
Vier Wochen vegan – einfach mal machen!
Vier Wochen sind dafür einen solchen Selbstversuch der kürzestmögliche Zeitraum, der allerdings voraussetzt, dass man deutlich mehr Zeit für das Thema Einkaufen/Kochen/Essen (inkl. Nachlesen) aufwenden kann als sonst. Auch dann wird man vermutlich nicht alle angesprochenen Ernährungsbereiche voll erforschen können, doch wird man deutlich weiter kommen als mit nur gelegentlichem Ausprobieren.
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