Unverbissen vegetarisch

…flexitarisch, vegetarisch, vegan? Hauptsache, die Richtung stimmt!

Ist Veganismus nur eine „respektable“ Methode, sich dem Schönheitsideal anzupassen?

Unter eher links eingestellten, mehrheitlich „weiblich gelesenen“ Szene-Menschen ist gewöhnliches Diät-Hopping für die schlanke Linie ja aus guten Gründen verpönt. Lisa von der Mädchenmannschaft glaubt nun, dass „vegan sein“ eine Möglichkeit ist, trotzdem – quasi unter dem Tierethik-Cover- dem Schlankheitswahn zu fröhnen. In ihrem einigermaßen wütend klingenden Artikel „Veganismus – Instrument zur Körpernormierung?“ schreibt sie:

„Wieso sind so viel mehr Frauen Vegetarierinnen oder Veganerinnen? Ist es Zufall? Oder ist es vielleicht für viele eine Möglichkeit mit gutem Gewissen unter dem Deckmantel des Fleischverzichts, den aktuellen Gesundheits-und Schönheitsidealen zu frönen? Kann es sein, dass das neue Kleid des Veganismus eine kollektive, gesellschaftsfähige Diät legitimiert? Selbst in den feministischen, linken und queeren Kreisen, den sich selbst als systemkritisch und als emanzipiert verstehenden?“

Sicher ist sie mir nicht böse, wenn ich einen weiteren Absatz zitiere, der den krassen Wandel in den Motiven beschreibt, den die vegane Bewegung derzeit vollzieht:

Vom Antispeziezismus zur Diätformel? Vegan sein wird gesellschaftsfähig. Überall wird darüber berichtet, geschrieben und kommentiert. Der Blick in die Auslage vieler Buchläden zeigt die explosionsartige Vermehrung von Literatur, Kochbüchern und Diätbibeln, auf denen in großen Lettern „VEGAN“ stehen. Bei Titeln wie „Vegan,Schlank&Fit“ oder „Vegan for fit“ wird schnell deutlich, es geht nicht mehr um den ursprünglichen Veganismus. Nicht um eine, aus Antispeziesismus entstandene und zur Auflehnung gegen herrschende (sexistische) Gewalt- und Machtstrukturen ausgelebte Protestform. Nein, nicht dieser Veganismus. Der neue Veganismus bekommt ein maßgeschneidertes Kleid, ein Korsett, welches durch aktuelle Gesundheits- und Schönheitsvorstellungen gerechtfertigt und durch marktwirtschaftlich geleitete Interessen schön eng geschnürt und angefeuert werden kann. Konzerne wittern ein Millionengeschäft im veganen Lebenswandel, der so schön praktisch alle aktuellen Werte in Bezug auf Körper und Gesundheit in sich zu vereinen scheint. Allein 2014 stiegen die Umsätze bei Sojaprodukten und weiteren veganen Lebensmittel um durchschnittlich 25% im Vergleich zum Vorjahr.

Kommentiert hab ich das auch – ausnahmsweise also mal ein langes „Eigenzitat“:

Hier wird vielfach davon ausgegangen, dass vegane Ernährung nur etwas für Besserverdienende sei. Dem ist aber nicht so, trotz des Erfolgs der hochpreisigen Superfood-Küche von Hildmann & Co. Siehe dazu folgenden Basics-Artikel vom PETA:

Vegan ernähren und dabei noch Geld sparen

Auch dass “vegan” zwangsläufig etwas mit ABNEHMEN zu tun habe, halte ich für einen Mythos (siehe Namenslink). 2010 bin ich aus der Fleischwirtschaft ausgestiegen und in der Folgezeit wurde meine Ernährung weitgehend vegan, obwohl ich das zunächst gar nicht vorgehabt hatte. Für ein Buch und dann für ein Blog las ich dann unzählige vegane Blogs und stellte verwundert fest, wie vorherrschend dort die Zubereitung von Süßem aller Art ist – tolle Bilder von super arrangierten Süßspeisen, vegane Kuchen, Eis, Pudding, süße Pfannkuchen…… Selber stehe ich nicht so auf Süßes und dennoch hab ich VEGAN ZUGENOMMEN – mehrere Kilos bis hinein ins Übergewicht.

Die Politik-Ferne der meisten veganen Blogs (die fast alle reine Foodblogs sind) hat mich ebenfalls gewundert, denn mein Grund war ja ein ethischer, nicht etwa das Verlangen, Hobbyköchin zu werden. Der Artikel hier spricht mir also zu Teilen voll aus der Seele, danke dafür!

Andrerseits denke ich immer noch: den Tieren nützt es, auch wenns den Leuten nurmehr um die schlanke Linie und die Anpassung ans Schönheitsideal geht. Und dass das “gehobene Bio-Vegan mit Superfoods” nur von Besserverdienenden geleistet werden kann, ist nicht unbedingt ein Grund zur Traurigkeit oder Wut. Denn es war ja schon oft so, dass die Ernährung der “besseren Stände” dann Vorbildfunktion bekam und letztlich von den Massen übernommen bzw. für sie produziert wurde. So geschehen beim Weißbrot, das zunächst nur die Adligen hatten, im 20.Jh. zum Beispiel beim Hähnchen/Geflügel, dann beim Lachs… wobei diese “Demokratisierung” des (vermeintlichen) Besser-Essens immer zu Lasten von Umwelt, Gesundheit und einem humanen / artgerechten Umgang mit Tieren ging. Diesmal könnte das andersrum wirken – und das ist doch immerhin toll!

Mittlerweile ist meine Ernährung nicht mehr “voll vegan” (sondern “unverbissen vegetarisch”, wie mein Blog), aber ohne den Langzeit-Selbstversuch hätte ich es nicht geschafft, aus den “eingefleischten” Routinen auszusteigen und eine pflanzenbasierte Ernährung zu erlernen. Freue mich also, wenn das möglichst viele mal ausprobieren – und so weit entfernt ist das Wissen ja nun nicht, dass das auch durchaus preiswert geht.

Schon seltsam, dass solche Diskussionen nicht auf Veggie-Blogs stattfinden, sondern zitiert werden müssen. Ich muss auch zugeben, dass mein eigener Elan etwas erlahmt ist. Dieses gesteigerte Interesse am „besonderen Essen“, wie es gesamtgesellschaftlich in verschiedensten Ausformungen daher kommt, ist mir zunehmend suspekt, obwohl ich nach wie vor dazu stehe, dass eine pflanzenbasierte Ernährung aus ethischen und politischen Gründen zu fordern und zu fördern ist. Aber dieses Kreisen rund um Foodporn und den neuen Fetisch Gesundheit… da löckt mich manchmal echt der Stachel und ich will böse, faul und unvernünftig sein.

Ich brauch‘ wohl mal wieder neue Anregungen… und hab‘ mir zwei neue Kochbücher bestellt. :-)

Autor: Claudia Klinger

Unverbissen Vegetarisch gibts auch auf Facebook (ich freu mich über jedes "´Like"!) Mit allgemeinen Themen findet man mich auf meinem seit 1999 aktiven Digital Diary. Und Veggie-News gibts auf Twitter.com/unverbissen.