Unverbissen vegetarisch

…flexitarisch, vegetarisch, vegan? Hauptsache, die Richtung stimmt!

Fleischersatz: Über Moral und Geschmack

Das großartige Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer hat viele Menschen dazu bewegt, es mit einer vegetarischen oder veganen Ernährung mal zu versuchen. Weitere wollen ihren Fleischkonsum zumindest einschränken, nur noch Bio-Fleisch oder „aus artgerechter Haltung“ kaufen.

Diese immense Wirkung verdankt sich aus meiner Sicht der genialen Herangehensweise des Autors: Leser und Leserin werden „da abgeholt, wo sie stehen“ und nicht mit der großen Moralkeule nieder gemacht, weil ihnen Fleisch schmeckt. Ja, der Autor gibt schon auf den ersten Seiten unumwunden zu, dass er Fleisch mag – und zeigt im weiteren dann auf, warum seine Liebe Grenzen hat.

Ist Fleischersatz „sündhaft“?

Seiten gekochtBei meiner Erkundung der vegetarisch-veganen Kommunikationswelten stelle ich einerseits fest, dass es eine große Nachfrage nach Fleischersatz gibt. Viele kleine Firmen und Spezialversender bieten vegetarische Schnitzel, vegane Braten, Veggi-Würste und vegetarisches Grillgut. Sie alle finden offenbar genug Käufer, denn der Markt für „wie Fleisch“-Produkte scheint zu boomen.

Andrerseits bemerke ich eine recht seltsam anmutende Kritik von Seiten mancher Veganer und Vegetarier: Wenn ein Lebensmittel die Nähe zum Fleisch-Erlebnis wirklich SCHAFFT, dann melden sich alsbald Stimmen, die meinen, „ordentliche Vegetarier“ bräuchten keinen Ersatz, der so ähnlich schmeckt. Schließlich sei Fleisch für die menschliche Ernährung nicht erforderlich, also sei es falsch, an diesem Geschmackserlebnis zu hängen.

Klingt ganz so, als sei es eine „Sünde“, wenn sich unser Geschmack nicht auf Kommando ändert, bloß weil wir den vernünftigen Entschluss gefasst haben, kein Tierfleisch mehr zu konsumieren. Viele machen das heute, weil die Zustände in der Massentierhaltung zum Himmel stinken – ein Aspekt, in dem sich eigentlich ALLE einig sein sollten: Vegetarier, Veganer UND sogar „Flexitarier“, die noch ab und zu Biofleisch essen.

Fleischersatz verteufeln schadet gemeinsamen Zielen

Wer schon blöd angemacht wird, weil er nach einem richtig guten Fleischersatz sucht, wird in seiner Motivation, vom Fleisch wegzukommen, ganz gewiss nicht gestärkt! Im Gegenteil, viele erleben solche Vorwürfe als sektenhaft und fanatisch, moralinsauer und lustfeindlich. Und verfallen womöglich in Reaktanz, was gerade nicht im Sinne vegan und vegetarisch lebender Menschen sein dürfte.

Auch die Meinung, Fleischersatz sei nur ein Übergangsphänomen für Einsteiger, weil das Verlangen danach mit dem „richtigen Bewusstsein“ auf Dauer verschwinde, halte ich für wenig hilfreich. Denn bei weitem nicht alle entwickeln einen Ekel vor Fleisch, sondern lediglich einen Ekel vor der Art und Weise, wie Tiere gehalten werden, bevor sie im Kochtopf landen.

Und mehr noch: das größte Potenzial, den allgemeinen Fleischkonsum zu reduzieren und damit die derzeitige Massentierhaltung unrentabel zu machen, liegt nicht bei den Vegetariern und Veganern, sondern bei den vielen ganz „normal“ viel zu viel Fleisch essenden Menschen, die gar nicht vorhaben, dem Fleisch komplett zu entsagen. Die allermeisten von ihnen wissen nicht, was ich jetzt nach einiger Sucherei heraus gefunden habe: Es GIBT einen nahezu perfekten Fleischersatz!

Fleischersatz für Fleischesser!

Dass „Seitan“ (ich nenne es jetzt lieber WEIZENFLEISCH! Klingt nicht so nach Seetang..) nicht allgemein bekannter ist, liegt daran, dass es aus der Nische der veganen und makrobiotischen Szene bisher nicht heraus kommt und selbst dort im oben beschriebenen Sinn „umstritten“ ist. Man stößt erst darauf, wenn man sich selber für eine vegetarische Ernährung und eben auch für „Fleischersatz“ interessiert.

Doch auch Fleischesser haben vielfach ein Interesse daran, die Menge zu reduzieren – sei es aus politisch-ethischen Gründen oder zu Gunsten der Gesundheit. Und auch der Preis ist ein Aspekt: zwar beklagen wir alle, dass Massentierhaltungsfleisch so billig ist, aber wissen z.B. Harz4er, dass sich aus 500 Gramm Weizengluten für 1,60 Euro ganze 1400 Gramm richtig wohlscheckender Fleischersatz herstellen lässt? Ok, es kommen noch ein paar Gewürze dazu, aber der Preisunterschied bleibt dennoch immens!

Und so wird aufgrund der oft engstirnigen, ja feindseligen Kommunikation mancher Veggies gegen alles, was mit Fleisch auch nur von Ferne zu tun hat, das große Potenzial des „Weizenfleischs“ kaum genutzt! Würde Seitan als Fleischalternative für alle kommuniziert, die einen respektablen Eigenwert neben Tierfleisch hat (gesund, kalorienarm, cholesterinfrei, billig!), dann käme man dem gemeinsamen Ziel, die Massentierhaltung in der derzeitigen Form abzuschaffen und die Umwelt zu entlasten, mit großen Schritten näher.

Kurzum: Fleischersatz ist für ALLE gut – nicht nur für Vegetarier. Wer’s als „gestandener Veganer“ nicht mag, muss es ja nicht essen.

Autor: Claudia Klinger

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